Die familienpolitische Debatte dreht sich seit langem um eine Kunstfigur: Die berufliche erfolgreiche Akademikerin. Sie verkörpert einerseits den Erfolg der Frauenemanzipation (aufgeklärt, unabhängig etc.) und andererseits den negativen demographischen Trend zur steigenden Kinderlosigkeit. Als der entscheidende Grund für ihren Verzicht auf Kinder gilt die mangelnde Vereinbarkeit von Erwerbsberuf und Familie: Dies nicht nur, weil „mit steigender Bildung auf immer mehr Lohn und Gehalt verzichtet werden muss, sondern auch ein Stück weit auf Selbstverwirklichung, soziale Anerkennung und Lebensfreude". Aus diesem Grund blieben Akademikerinnen in Deutschland häufiger kinderlos als formal geringer qualifizierte Frauen. Um höher qualifizierten Frauen die Entscheidung für Kinder zu ermöglichen, seien sie von „ihrer Erziehungsverantwortung zu entlasten und ihnen dadurch mehr Raum für die eigene Berufstätigkeit zu geben". Praktisch bedeutet dies, dass Kinder von klein auf außerhalb der Familie in Institutionen zu versorgen sind.
Als Vorbild einer solchen Müttererwerbsförderpolitik gilt allgemein Schweden: Frauen mit Hochschulabschluss bleiben hier im Vergleich zu Westdeutschland und Österreich seltener kinderlos – das Ideal der Vereinbarkeit von „Kind und Karriere" scheint verwirklicht zu sein. Die schwedische Bevölkerungsstatistik zeigt allerdings, dass sich Frauen mit Hochschulabschluss je nach Fachrichtung stark in ihrem Geburtenverhalten unterscheiden: Lehrerinnen (10-15%), aber auch Ärztinnen (16%) sind relativ selten kinderlos. Dagegen bleiben Juristinnen (20%), Bibliothekarinnen (27%) und vor allem Geisteswissenschaftlerinnen (30%) häufiger kinderlos. Am seltensten leben hingegen Kindergärtnerinnen (ca. 7%) und Hebammen (5%) ohne Kinder. Das Ausmaß der Kinderlosigkeit in Schweden unterscheidet sich also deutlich nach Berufszweigen: Frauen mit einer Ausbildung für das Bildungs- oder Gesundheitswesen bleiben wesentlich seltener kinderlos als Frauen mit einem für Verwaltung oder Wirtschaft qualifizierenden Berufsabschluss. Unter ganz anderen institutionellen Bedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigen sich ähnliche Zusammenhänge in Österreich: Auch hier bleiben Frauen in Gesundheitsberufen (Hebammen, Krankenschwestern, Ärztinnen etc.) seltener kinderlos als Frauen anderer Berufsrichtungen.
In Schweden wie in Österreich sind für Journalismus, Sozial- und Geisteswissenschaften, Theologie und den Kunstbereich ausgebildete Frauen auffallend häufig kinderlos. Warum Absolventinnen dieser Fachbereiche häufiger kinderlos (und unverheiratet) bleiben als z. B. Ärztinnen lässt sich nicht allein aus den Erwerbsbedingungen erklären. Es handelt sich hier um Bereiche, die ideologieanfälliger sind und in denen feministische Debatten Ehe und Familie öfter fundamental in Frage stellen. Für nicht wenige Frauen, aber auch Männer in diesen Berufen ist der bewusste Verzicht auf Kinder Ausdruck eines ungebundenen, postmodernen Lebensstils. In Deutschland ist dieser Lebensstil über seine akademische Avantgarde hinaus mittlerweile für breitere Schichten attraktiv: In der Bevölkerung hat sich eine noch minoritäre, aber wachsende Gruppe etabliert, „die Familie nicht wünscht und nicht lebt". Aufgrund ihrer „ausgeprägt individualistischen Orientierungen" sind deren Angehörige „familienpolitisch nur schwer erreichbar". Trotz Krippen und Ganztagsschulen bleiben Kinder aus Sicht dieser Gruppe wohl ein „Entfaltungs- und Karrierehemmnis". Im Gegensatz zu dieser Sichtweise verbinden die meisten Eltern mit Kindern Sinnerfüllung, Lebensfreude und auch ein Stück Selbstverwirklichung. Neben ihrer Erwerbstätigkeit wollen sie Zeit für die Familie haben, um ihre Kinder selbstverantwortlich zu erziehen. Um die Entscheidung für Kinder wirksam zu fördern, müsste sich die Politik statt an fiktiven Kunstfiguren an den realen Präferenzen der „Familienmenschen“ orientieren. Das politische Meinungsklima prägen aber nicht Hebammen, Grundschullehrerinnen oder Apotheker, sondern häufig kinderlose Publizist(inn)en, Moderator(inn)en und Politiker(innen) in der medialen Bewusstseinsindustrie.
Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)