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11.02.2012
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     Vera Lengsfeld
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Geistige Innenansichten der CDU
Weitere Themen: Allgemein, Wahlen

...ist das Thema, das mir  aufgegeben wurde. Es bringt mich, ich gestehe es gleich, in Verlegenheit. Von welcher CDU soll ich sprechen? Vom Kanzlerinnenwahlverein, der bei der letzten Bundestagswahl mit nur einer Vorgabe

Wählerstimmen einsammelte ? Diese Vorgabe hieß: Angela Merkel muss Kanzlerin bleiben. Welche Ziele sie verfolgte, mit wem sie die Regierungskoalition am liebsten bilden würde, sagte die Kanzlerkandidatin  nur , wenn sie der Frage nicht mehr ausweichen konnte. Folglich hatten ihre Beteuerungen, die FDP wäre die Wunschpartnerin für die zweite Regierung Merkel, etwas Bemühtes, fast Genervtes. Am Wahltag erschien die erste Frau unseres Landes jedenfalls schwarz-rot gekleidet an der Wahlurne. Sie hatte die Farben bis zum Abend nicht abgelegt, als längst fest stand, dass nach dem fulminanten Wahlsieg der FDP und dem schlechtesten CDU-Ergebnis aller Bundestagswahlen, die schwarz-roten Fortsetzungsträume begraben werden mussten. Die Braut musste den Mann ihrer Wahl auf die Oppositionsbank schicken , die Ehe mit einem ungewollten Partner eingehen und gute Mine zum bösen Spiel machen, das hieß, eine Liebesheirat würde begangen. Von Liebe zur FDP konnte nur bei der CDU-Basis und bei den CDU-Wählern die Rede sein, die zur FDP gewechselt waren, um deutlich zu machen, dass sie keine Fortsetzung der schwarz-roten Schulden-, und Stillstandskoalition  wollten. Die Parteivorsitzende und die Mandats-, und Funktionsträger der CDU, die unter ihr Karriere machen wollen, begannen sofort, Szenen einer Ehe zu inszenieren. Seit über hundert Tagen lautet die unausgesprochene, aber dennoch klare Botschaft: wir wollen nicht, wozu wir vom Wähler gezwungen worden sind. Uns interessiert kein Wählerauftrag, wir werden die erste beste Gelegenheit nutzen, um uns aus dem ungeliebten Bündnis zu verabschieden. Folglich wurden die entscheidenden ersten Tage nicht genutzt, um klar zu machen, welche von den vielen anstehenden Reformen zuerst angepackt werden soll, sondern, um zu sagen, was alles nicht geht: so gut wie gar nichts. Kanzlerin Merkel ist nicht mal bereit, ihre eigenen Projekte aus der Oppositionszeit, wie Gesundheitsprämie oder Steuervereinfachung anzugehen. Statt dessen verteidigt sie vehement die Missgeburt der Großen Koalition namens Gesundheitsfonds. Die  Steuerfrage soll erledigt werden, indem sie auf die lange Bank geschoben wird . Man müsse die Steuerschätzung im Mai abwarten, lautet die Beruhigungs- Formel für nervöse Parteifreunde, die fassungslos den rasanten inhaltlichen Entleerungsprozess ihrer Partei beobachten. Allerdings ist im Augenblick wahrscheinlicher, dass die schwarz-gelbe Bundesratsmehrheit sich nach der Wahl in NRW in Luft ausgelöst und der Kanzlerin damit den perfekten Vorwand geliefert hat, Reformen gar nicht erst angehen zu müssen. Irgendwie wird diese Legislaturperiode schon rumgebracht werden und danach , glaubt Merkel, wird es wieder Schwarz-Rot geben, notfalls Schwarz-Rot-Grün.
Die FDP machte es der CDU- Vorsitzenden zunächst leicht. Im Begeisterungsrausch über den unerwarteten Erfolg bei der Wahl wurde die nüchterne Analyse versäumt, woher die Stimmen kamen, die der FDP zuflossen und was sie bedeuteten. So kam es während der Koalitionsverhandlungen nicht zu einem Vertrag, in dem die nötigen Reformen kraftvoll angegangen werden, sondern zu lauter Alibi-Festlegungen, die den Eindruck erwecken sollten, man  hätte verstanden, was die Wähler wollten. Die Wähler waren allerdings nicht so dumm, wie sie verkauft werden sollten. Das machten sie der FDP in den Umfragen klar. Der Absturz des ungeliebten Koalitionspartners wird voreilig als Beweis gewertet, dass Merkels Kalkül aufgegangen wäre. Ich bin da nicht so sicher. Nicht nur, weil ich glaube, dass Guido Westerwelle, falls er jetzt wirklich verstanden hat, was die Mehrzahl seiner Wähler von ihm erwartet, eine politikfähige Alternative zu den entleerten Restparteien zu sein, eine zweite Chance bekommt. Vor allem aber wird die CDU-Vorsitzende die Inhaltslosigkeit und den Machtopportunismus nicht ungestraft weiter betreiben können. Folgen gibt es schon jetzt, auch wenn sie noch nicht so sichtbar sind, dass sie von den Politkommentatoren bemerkt werden. In den letzten beiden Bundestagswahlen hat die CDU ihr schlechtestes Ergebnis erzielt und noch mal unterboten. Beide Male hat die Vorsitzende eine Wahlanalyse, die diesen Namen verdient, gescheut. So blieb die Behauptung, Merkel hätte die Wahl 2005 beinahe verloren, weil sie zu viel Profil und Reformwillen gezeigt hätte, ununtersucht und unwidersprochen. Inzwischen hat sie durch dauernde Wiederholung den Anschein von Wahrhaftigkeit erlangt.

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Die Schlussfolgerung, die Merkel gezogen hat, inhaltliche Festlegungen und Reformbemühungen künftig zu scheuen, wie der Teufel das Weihwasser, haben sich als erfolglos erwiesen. Zwar konnte sie Kanzlerin bleiben, hat aber weiter an Wählerzuspruch verloren. Die Einbrüche bei der letzten Wahl sind so dramatisch, dass sie tiefen Frust in weiten Teilen der Partei ausgelöst haben. Dass  drei Fraktionsvorsitzende eine Wahlanalyse und eine Schärfung des Parteiprofils verlangen, dass es eine Initiative konservativer Parteimitglieder gibt, die in der Öffentlichkeit Unterschriften für einem Appell sammelt, in dem mehr Inhalte angemahnt werden, ist nur ein Symptom dafür, wie sehr es in der Partei gärt. Die Angie, Angie- Rufe bei Großveranstaltungen werden immer professioneller organisiert, aber die tatsächliche Zustimmung zur Vorsitzenden sinkt. Das wäre an sich kein Drama, denn die Erfahrung besagt, dass es immer wieder Kandidaten gibt, auch wenn eine Partei so häufig ihren Vorsitzenden wechselt, wie die SPD in den letzten Jahren. Schlimmer ist, dass das System Merkel symptomatisch für die Erosion der politischen Landschaft an sich steht. Was unterscheidet die Merkel- CDU noch von anderen Parteien? Wo ist ihr Alleinstellungsmerkmal? Die Marktwirtschaft wird nur noch in Sonntagsreden beschworen. In der politischen Praxis herrscht längst immer stärkerer Wirtschaftsdirigismus vor. Der Rechtsstaat wird willkürlich durch staatliches Handeln beschädigt, durch Ankauf illegal beschaffter Bankdaten, womit der Etablierung eines entsprechenden Schwarzmarktes staatlicherseits Tür und Tor geöffnet wird. Durch Einschüchterung vermuteter Steuersünder mit der Drohung immer perfekterer Schnüffelpraktiken. Durch Nachsichtigkeit gegenüber linksradikaler Gewalt. Selbst vor der Versuchung, die Demokratie zugunsten diktatorischer Lösungen aufzugeben, ist die Regierung nicht gefeit. Oder wie soll man es sonst interpretieren, dass der „Klimaberater“ der Kanzlerin Schellnhuber öffentlich darüber nachdenkt, ob autoritäre Regierungssysteme nicht besser geeignet seien , die Herausforderungen der „Klimakatastrophe“ zu meistern. Apropos Klimakatastrophe. Es ist heute Abend nicht das Thema, ob es tatsächlich eine menschengemachte Erderwärmung gibt, was ich bezweifle. Für unser Thema ist interessant, wie stark sich Politiker, die nicht bereit, oder in der Lage sind, die von ihnen verursachten Probleme, wie ein versagendes Renten-, Krankenversicherungs-, und ein unübersichtliches Steuersystem zu lösen, sich auf die „Lösung“ von Problemen stürzen, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren auftreten. Da liegt doch der Gedanke nahe, dass sie dies tun, weil sie am Erfolg oder Misserfolg solcher Entscheidungen und Maßnahmen nicht gemessen werden können. Klar ist nur, dass der Steuerzahler für alles aufkommen muss. Damit er es möglichst ohne zu murren tut, wird er streng an die moralische Kandare genommen. Wer am Sinn der „Klimaschutzmaßnahmen“ zweifelt, versündigt sich an der Zukunft unserer Enkel. Dieses Verdikt ist eine der wenigen fest stehenden Größen in der Politik unserer „Klimakanzlerin“, wie sie vor der peinlichen Konferenz in Kopenhagen immer häufiger genannt wurde, weil sie „Klimaschutz“ zum Markenzeichen ihrer Kanzlerschaft gemacht hat. Was als Versicherung gegen Scheitern gedacht war, erwies sich als selbstgestellte Falle. In Kopenhagen nützten alle aufreibenden Nachtsitzungen nicht mehr , die dem Fernsehpublikum vermitteln sollen, dass die Politik sogar ihren Schlaf zum Wohl des Klimas zu opfern bereit ist. Die kleinen Diktatoren dieser Welt spielten nicht mit. Mehr noch, sie machten die größte globale Konferenz in der Geschichte der Menschheit zur Farce, indem sie mehr Geld forderten, als ihnen ohnehin geschenkt werden sollte. So viel, dass es die Leistungsfähigkeit der Industriestaaten auch dann überfordert hätte, wenn sie in einem besseren als dem gegenwärtigen Zustand wären und nicht im begriff, ihre Leistungsfähigkeit durch unsinnige „Klimaschutzauflagen“ einzuschränken.
Unter Merkel ist die CDU röter und grüner geworden. Die Kernkompetenzen der Partei wurden dabei entsorgt. Inzwischen schreibt das Feuilleton offen, dass die CDU eine sozialdemokratische Partei geworden ist. Widerspruch aus der Partei ist kaum zu befürchten, jedenfalls nicht von den Funktionären. Ein  Beispiel dafür ist  Interview des Bundestagsabgeordneten und Fraktionsvorstandsmitglieds Altmeier vom 16.2., der einen Linksruck in der CDU nicht erkennen will. Merkels Strategie, die eigenen Themen  zu beschweigen und statt dessen die der Opposition zu besetzen, hat die Opposition erfolgreich entmannt. Wir haben es inzwischen mit einem schwarz-rot-grünen Einheitsbrei zu tun, der sich zäh und erstickend über die politische Landschaft gelegt und längst jede Debatte erstickt hat. Wie die Aufregung um Westerwelle illustriert, haben wir es nur noch mit Erregungszuständen zu tun, die man hysterisch nennen müsste, wäre die beabsichtigte Einschüchterung nicht so kaltblütig inszeniert. Wenn die FDP auch noch einknickt, hat die produktive Hälfte der Bevölkerung keine politische Alternative mehr.
Passend zu dieser These erschien heute in der Berliner Zeitung ein „Nachruf“ auf die schwarz-gelbe Koalition. Eine, ich zitiere „neue, ganz andere Zeit“ kündige sich an. Offensichtlich sei „das neoliberale Zeitalter mit seinem Mantra aus Eigenverantwortlichkeit, Entstaatlichung und Einkommenssteuerreformforderungen spätestens mit der Finanzkrise an sein geistiges Ende gekommen“ sei. Das Gegenteil zum eigenverantwortlichen, ist der staatlich gegängelte Bürger. Damit wäre das Erbe der 89er Revolution entsorgt und der „Zeitgeist“ wieder in der DDR angekommen. In der Geschichte, wissen wir von Hegel, wiederholt sich die Tragödie als Farce. Ausgerechnet eine DDR-Frau, die von vielen CDU-Mitgliedern mit einer Bürgerrechtlerin verwechselt wurde und damit viele nützliche Vorschußlorbeeren bekam, führt das vereinte Deutschland zurück in neosozialistische Zeiten. Die Wunschkoalition, die dieses angebliche Zeitgeistprojekt befördern soll, ist übrigens schwarz-grün. Mit Norbert Röttgen, dem, so die Berliner Zeitung , besten Umweltminister, „den die Grünen je hatten“, als Wegbereiter und Renate Künast als Stichwortgeberin. Die grüne Fraktionschefin, die im Bundestag schon mal die CO 2 -freie Gesellschaft gefordert und damit bewiesen hat, dass man nicht dumm genug sein kann, um in Deutschland Minister werden zu dürfen, hat bereits das Wort von den „Republikflüchtigen“ geprägt. Erst ergreift man Zwangsmaßnahmen, um das Kapital im Lande zu behalten, dann folgt der zwangsweise Auswanderungsstopp für Menschen. Was soll am Ende das neosozialistische Deutschland auch tun, wenn ihm, wie zu DDR-Zeiten die jungen, gut ausgebildeten Menschen weglaufen? Wer den Bionade- Biedermeier- Staat zum Ideal eines , ich zitiere zum letzten mal die „Berliner“, „politisch-gesellschaftlich pazifizierten Generationenkonflikts“ erhebt, ohne sich noch um die Grundlagen zu scheren, auf denen ein Gemeinwesen beruht und ohne die es nicht lebensfähig ist, hat die Lehren der Geschichte nicht begriffen. Vor zwanzig Jahren ist der Sozialismus gescheitert, aus Gründen, die auch alle neosozialistischen Experimente scheitern lassen werden. Die Frage, die wir uns ernsthaft stellen müssen ist, ob wir wirklich auch noch das neosozialistische Experiment über uns ergehen lassen wollen. Was mich betrifft, beantworte ich diese Frage mit  Nein. Was wäre also zu tun? Als erstes muss man sich ganz klar machen, dass wir es mit einer geistigen Konterrevolution zu tun haben. Die Revolution 89, der massenhafte Entschluss, sein Schicksal nicht mehr Politikern zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen, ist ein Albtraum für alle Herrschenden und ihre geistigen Zuhälter. Daher die Neigung zum Neosozialismus. Damit soll das Volk endgültig darauf reduziert werden, was Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ als die beiden vornehmsten Pflichten des Staatsbürgers karikiert hat: „Erstens berappe, zweitens, halt die Klappe!“
Während wir jetzt feststellen müssen, dass der so genannte „Modernisierungskurs“ , den Merkel der CDU verordnet hat, reaktionär in dem Sinne ist, dass er die neuen Entwicklungen nach 89 unwirksam machen soll, zeigt Obama in den USA gerade, was wirklich verantwortliche Politik ist. Als Beitrag zur Sicherung der Energiegrundlage seines Landes und als Beitrag zum Klimaschutz hat er den Weg frei gemacht für den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken. Unserem Ausstiegsminister Röttgen müssen die Ohren geklungen haben. Hier könnten er und die Merkel- CDU lernen, wie pragmatische, gemeinwohlorientierte Politik aussieht. Ich kann mich jedoch des Verdachtes nicht erwehren, dass genau das nicht geschehen wird.



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Freidenker, 19.02.2010 08:48
Ein wahrhaft gelungener Beitrag! Ich stimme Ihren Ausführungen zu, mit einer Einschränkung. Die Politik Obamas war jedoch aus meiner liberalen Sicht bisher eher ein einziges Fiasko. Den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken voranzubringen ist das erste (vielleicht das zweite!?) vernünftige Signal, dass ich aus Washington vernehme.
Ich überlege gerade, wie wohl ihr nächstes Buch heißen könnte, Frau Lengsfeld? „Wir hatten doch nicht mehr zu bieten!“ oder „Von einer, der aus Versehen konservativ wurde?“
Den Öko-Totalitaristen haben sie bekanntlich frühzeitig den Rücken gekehrt, jetzt wird es Zeit für den nächsten Schritt! Oder wie wird das Ergebnis ihrer geistigen Innenansicht ausfallen?


Elmar Oberdörffer, 18.02.2010 13:57
Vielen Dank, Frau Lengsfeld, für Ihre ausgezeichnete und zutreffende Analyse.


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