Als ich vor dreißig Jahren zu unterrichten begann, war es eine besondere Freude, eine fünfte Klasse - also die erste im Gymnasium - als Klassenlehrer zu bekommen. Das bedeutete viel weniger Stress
als mit einer 8. oder 9. und viel weniger fachlichen Aufwand als mit Klassen bzw. Kursen, die das Abitur angehen. Wenn die Kinder zu laut waren, genügte es, wenn man einmal laut hustete, dann war wieder für einige Zeit Ruhe. Und wenn sie mal wirklich über die Stränge schlugen und man ein Machtwort sprechen musste, dann hielt die Wirkung für mehr als eine Woche an.
Heute ist das anders.
In vielen fünften Klassen gibt es mehr verhaltensauffällige Schüler als früher, viel mehr Individualisten, auch mehr Kinder, bei denen man die Auswirkungen erzieherischer Fehler, wie sie Michael Winterhoff angesprochen hat, zu spüren bekommt.
Ich erinnere mich an eine fünfte Klasse, wo ich nach fast jeder Stunde am liebsten das Hemd gewechselt hätte, denn oft kam ich verschwitzt aus dem Unterricht. In der Klasse waren eben auch mehrere ADS-Kinder, hochsensibel, überempfindlich, aber dauernd schwätzend, störend, dazwischenrufend, abgelenkt ...
Sie hart anzufassen ging nicht, denn sie hatten ja selbst kein Bewusstsein von dem, was sie taten und wie sie waren; es waren zudem eigentlich wirklich liebe Kinder ... aber eben anstrengend ... Jede Stunde mit ihnen war im Grunde eine Gratwanderung, ihre Impulse wertzuschätzen und zugleich ihr Verhalten in einen Ordnungsrahmen zu bringen ...
Kurz anmerken möchte ich, dass es für mich dieses ADS-Syndrom, wie es gern als Etikett verwendet wird, nicht gibt. Bei jedem Kind hat die Verhaltensauffälligkeit andere Ursachen; jede bedarf auch einer eigenen Behandlungsweise, die oft bei den Eltern ansetzen sollte, es aber nicht tut.
Kinder und eine neue Qualität von Bewusstsein
Das ist die eine Seite der Medaille; die andere ist, dass ich einfach manchmal nur staune, welches intuitive Bewusstsein Kinder mitbringen, wenn man z.B. in Deutsch über die Bedeutung von Tieren für den Menschen spricht, ob es einen Gott gibt, warum Menschen böse sind ... Fragen, die sich Kinder stellen und auf die sie erstaunliche Antworten haben.
Mit einer inneren Überzeugung und Ernsthaftigkeit, die einfach nur verblüfft.
Manchmal ist es so, dass die erste Antwort völlig neben der Kappe zu liegen scheint; ein strenger Erwachsener könnte ein Urteil fällen oder eine Bemerkung machen, die dazu führt, dass dieses Kind für immer bei ihm seine tieferen Gedanken nicht mehr äußert. Oft ist es so, dass der nächste oder übernächste Gedanke jedoch Erstaunliches offenbart.
Neben meinem Staunen bestätigt mir dieses Bewusstsein der Kinder, was ich glaube, dass Seelen nicht im Moment der Zeugung geboren werden, sondern schon lange existieren und ein Bewusstsein aus vielen Leben mitbringen.
Sonst wäre komplett unerklärbar, was manche Zehn- und Elfjährigen äußern; mittlerweile gibt es ja auch einige Bücher zum Thema der Kinderphilosophie.
Gewiss kann ich nur von meinen Erfahrungen als Gymnasiallehrer ausgehen, dennoch aber möchte ich weiterhin sagen, dass ich auch erstaunt bin über den Grad der sozialen Reife, den Kinder dieses Alters und auch Jugendliche immer wieder zeigen.
Und ich würde mich freuen, wenn Menschen, die ein eher negatives Bild der Jugend von heute zeichnen, mit im Unterricht säßen und den Gesprächen auch in den oberen Klassen lauschten. Da werden Gedanken geäußert und gedacht, die eine seelische Reife zeigen, vor der ich innerlich immer wieder den Hut ziehe. Goethe würde hier von schönen Seelen sprechen und ich habe Kurse, wo die Lernbereitschaft ausgesprochen hoch ist - auch wenn es um das Lernen rhetorischer Mittel in Gedichtinterpretationen und für eine Textanalyse geht - und eigentlich alle Jugendlichen hochsensibel und jede(r) auf seine Weise eine Klasse für sich ist. Ich bin dankbar, dass ich sie unterrichten darf.
Kinder und Jugendliche sind ohne Frage schwieriger, anspruchsvoller im Sinne von vielschichtiger, tiefgründiger geworden; zugleich finden wir bei ihnen ein Bewusstsein, das meine Altersgruppe in diesem Alter nicht hatte und das ich auch in diesem Ausmaß vor 20 bis 30 Jahren nicht wahrgenommen habe.
Die Akzeleration von Wissen und Bewusstsein laufen Hand in Hand
Mag sein, dass es an meiner Wahrnehmung liegt; meiner Ansicht nach aber liegt eine eindeutige Entwicklung von kindlichem Bewusstsein in der Zeit vor, die ich überblicken kann. Es ist, als ob die Akzeleration menschlichen Bewusstseins sich viel schneller in die Gene einarbeitet, als wir das annehmen.
Wissenschaftler nehmen an, dass sich das Wissen der Menschheit innerhalb von 5 Jahren verdoppelt - manche sprechen von 8 oder 10 Jahren; Leben wird in immer kürzeren Zyklen farbiger und bunter, herausfordernder, anspruchsvoller, abenteuerlicher, lebenswerter, vielfältiger.
Erwachsene nehmen zum Teil diese Zunahme nicht wahr oder klinken sich aus.
Kinder nehmen sie in aller Regel wahr und leben sie, falls Erwachsene das zulassen.
Drei Probleme, die sich darauf ergeben
1. Erwachsene, leider auch manche Lehrer, reagieren auf dieses neue kindliche Bewusstsein zum Teil restriktiv; dies hängt auch mit den Verletzungen der inneren Kinder der erzieherisch Tätigen zusammen.
2. Die schulischen Lehrpläne werden diesem neuen Bewusstsein nicht gerecht; meist finden wir immer noch alten Senf, modern verpackt; zudem ist die Konzeption der Lehrpläne falsch.
Diese beiden Aspekte können im Rahmen dieses Post nicht besprochen werden.
3. „Er bestieg sein Pferd und ritt in alle Richtungen davon.“
Mit diesem Satz John Bradshaws aus - wenn ich mich recht entsinne - Wenn Scham krank macht lässt sich am besten ein Dilemma erfassen, das aufzeigt, wie sehr unsere Bildung momentan versagt.
Der Verlust der Grundlagenarbeit
Gerade auf dem Hintergrund des überbordenden Wissens und der ungeahnten Vielfalt des Lebens sind für Kinder Grundlagen wichtig, die sie in die Lage versetzen, mit den vielen Puzzleteilen des Lebens umgehen. Genau diese Grundlagen werden nicht mehr gelegt; zumindest wird an der Zeit für sie, wo es geht, gespart. Es ist, als ob ein Haus gebaut werden soll und die Erde nicht sauber ausgeschachtet, der Kellerboden nicht sauber zementiert wird.
Wie setze ich mir Ziele?
Wie gehe ich mit Gefühlen vor oder während des Lernvorgangs um?
Wie gebe ich dem, was ich gestalten will, eine Ordnung?
Wie balanciere ich immer wieder Detailarbeit und den Blick auf das Ganze?
Da ist - nur scheinbar banal - u.a. die Ordnung am Arbeitsplatz fundamental.
Die richtige Haltung beim Sitzen, beim Arbeiten.
Der angemessene Wechsel von Arbeit und Erholung.
Das Wassertrinken während der Kopfarbeit.
Die richtige Ernährung.
Die Ordnung im Schulranzen.
Verstehendes Lesen.
Vieles wäre hier zu nennen.
Der Mensch: ein Mikro–Kosmos
Wenn das Haus gebaut ist, fällt es nicht auf, wenn das Fundament nicht sauber gelegt ist.
So merken manche Menschen ihr Leben lang nicht, dass ihnen die Grundlagen fehlen.
Kein Wunder bekommen sie ihre vielen Fähigkeiten nicht auf die Reihe, nicht in eine Ordnung.
Wenn das Haus vom Grund her wackelt, muss unglaublich viel Energie in das Stabilisieren gesteckt werden. Das ist wie bei einem menschlichen Haltungsschaden: Ständig müssen Muskeln aktiv und ernährt sein, die diesen kompensieren; diese Energie steht an anderer Stelle nicht zur Verfügung.
Gut, dass der Kosmos eine göttliche Ordnung hat; Kosmos bedeutet übersetzt Ordnung, Schmuck.
Bildungspolitiker gehen mit Kindern um, wie man mit ihnen umgegangen ist
Bildungspolitiker fühlen sich dem Druck ausgesetzt - es ist in Wirklichkeit ihr selbst erzeugter -, Kinder und Jugendliche fit für die Herausforderungen der Arbeitswelt machen zu müssen. Heute ist z.B. mehr denn je in der Schule gefordert, dass Kinder lernen zu präsentieren. Im baden-württembergischen Abitur spielt die Präsentationsprüfung nicht von ungefähr eine bedeutende Rolle.
Da gehen dann Jugendliche und Abiturienten spielend leicht mit dem Overhead um, zeichnen Mindmaps oder präsentieren mit Hilfe ihres Notebooks Grafiken. Das sieht auf den ersten Blick schon toll aus. Lauter angehende Führungspersönlichkeiten.
Präsentation inhaltlicher Leere - wer denkt nicht an die Politik ...
Mittlerweile dürfte auch dem ein oder anderen Bildungspolitiker und Prüfungsvorsitzenden dämmern, dass manches, was da präsentiert wird, zwar toll aussieht, aber ziemlich hohl ist und nicht wenige Prüfungsvorsitzenden schauen sich zu dem Thema, das der Prüfling im Abitur präsentiert, vor der Prüfung die einschlägigen Wikipedia- und Internet-Seiten an, denn nicht selten entsprechen die dort vorgegebenen Gliederungen genau denen, die der Prüfling präsentiert. Halt in besonderer Form ...
Wenn man dann aber nachfragt, zeigt sich ein bezeichnendes Phänomen: der Prüfling wiederholt genau das, was er soeben gesagt hatte; mehr kann er nicht sagen, weil er nicht mehr gelesen hat als das komprimierte Wikipedia- bzw. Internet-Wissen.
Das ist der Unterschied zu Schülern, die noch Bücher für ein Referat oder für das Abitur lesen (es werden immer weniger):
Wenn man da nachfragt, dann sprudelt es; manchmal kommt dann noch viel mehr, viel Originelleres als im eigentlichen Referat ... es kommen die Grundlagen des Wissens, das jemand sich angeeignet hat.
Beim Wikipedia-Wissen kommt nichts.
Das ist der eine Aspekt, der andere ist:
Die Grauen Herren aus Momo lassen grüßen
Wir haben als Lehrer definitiv keine Zeit mehr, Grundlagen zu legen.
Wir haben keine Zeit mehr, Zielbestimmungen mit einer Klasse vorzunehmen.
Wir haben keine Zeit mehr zu vermitteln, wie wichtig es für Kinder ist, zielorientiert zu arbeiten.
Manchmal frage ich mich, ob das gewollt ist.
Der Katalog an Aufgaben, die die Schule in den letzten Jahren zusätzlich zu übernehmen hatte, ist lang.
Nur scheinbar wird die Schulpolitik liberaler; in Wirklichkeit ist der Schulalltag viel restriktiver geworden.
Statt Vertrauen herrscht an den Schulen Kontrolle
Wo das nicht der Fall ist, herrscht gern auch niveaulose Anspruchslosigkeit.
So sind Kinder dem überbordenden Wissen und den überbordenden medialen Herausforderungen ohne unsere Hilfestellung ausgesetzt - das Ergebnis: Wir haben es mit zu vielen Kindern zu tun, die ihr Pferd besteigen und in alle Richtungen davonreiten. Dennoch überrascht, wie gut sie insgesamt mit den Herausforderungen ihrer Gegenwart klarkommen.
Nur: Unterrichten Sie mal eine Klasse von 30 Schülern, wo 10 Kinder in alle Richtungen davonreiten.
Wenn Lehrer dann zu den üblichen erzieherischen Praktiken greifen, biegen sie zwar die Klasse hin, wie sie sie brauchen, aber die Vielfalt der Kinder ist weg; ohnehin lässt die Schule 2010 die individuelle Kreativität der Kinder nicht zu.
Der austauschbare Mensch: Ergebnis unserer Schulbildung
Das hat sie im Nachkriegsdeutschland noch nie getan. Heraus kommen Menschen - an den in der Öffentlichkeit stehenden Personen sehen wir es am besten - die im Grunde austauschbar sind. Das derzeitige Abitur setzt eine Denkkultur und eine Einstellung zum Wissen voraus, die sehr normiert ist. Wer anders denkt oder nicht auf dem vorgeschriebenen Weg geht, ist weg.
Mittlerweile können wir zwar Herzen implantieren; aber wertschöpfende Kreativität, die so viele Kinder mitbringen, lässt sich nicht mehr implantieren. Meistens ist diese Flamme ein Leben lang tot.
Kein Wunder, dass die Bandbreite an Antworten, die die Menschheit für die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft findet, schmalspurig wirkt. Es gibt nur wenige Einsteins, die in der Lage sind, konventionelle, gelernte, überholte Vorstellungen - in seinem Fall die von Raum und Zeit - aufzugeben, um ganz Neues zu denken.
In unseren Schulen lernt man solches Verhalten gewiss nicht.
Übrigens: Politiker reiten gern in alle Richtungen davon
Für einen Politiker - das gilt nicht für alle, aber viele - ist, in alle Richtungen davonzureiten, ein probates Mittel, um sich einer Verantwortung zu entziehen. Wenn Sie etwas konkret von ihm wissen wollen, finden Sie ihn auf einmal auf einem anderen Pferd in eine andere Richtung reitend - legen Sie so jemanden mal fest ...
Warum also sollten (Bildungs-)Politiker diese Art der Lebensbewältigung - Ziellosigkeit als Strategie - nicht auch in der Schulbildung fördern?
Wie sagt schon Mephistopheles im Faust:
"Dann hat er die Teile in der Hand / Fehlt leider! nur das geistige Band."
Wie aktuell!