Einloggen | Registrieren | 03.09.2010
   | HOME |   POLITIK     WIRTSCHAFT     LEBENSWELT     Suchen
 
 
 
     Wolfgang Röhl
Zur Person und Archiv      Email an diesen Blogger schreiben

Simplify your life. Ein Lob der Schublade
Weitere Themen: Allgemein

Was spricht eigentlich gegen Schubladendenken? Ist praktisch, spart Zeit. Eine ganze Menge Leute hat ja bequem in zwei, drei Dutzend Schubladen Platz. Was schon die Tatsache zeigt, dass man eine Bevölkerung von 80 Millionen mittels ein paar hundert sorgfältig ausgesuchter Interviewpersonen ziemlich zuverlässig einordnen kann, bezüglich Wahlverhalten, Konsumvorlieben, Wertevorstellungen, Sozialverhalten, Ängsten und so fort. 

Angenommen, man trifft auf einem Empfang, bei einem Essen, im Urlaub oder sonst wo Fremde: drei Minuten reden lassen. Nein, anderthalb genügen. Wer nicht ganz blöd ist, merkt dann schon, ob sich ein Gespräch lohnt. Bloß nicht glauben, was einem Psycho-Quacksalber erzählen! Dass an allen Menschen Spannendes zu entdecken sei, ließe man sich nur geduldig & sensibel auf sie ein. Auf einen von fünfzehn mag das zutreffen. Dafür lohnt es sich aber nicht, mit vierzehn Langweilern wertvolle Lebenszeit zu verplempern…

Wenn zum Beispiel - kleiner Rückblick - in den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts jemand aus dem Westen die Bundesrepublik Deutschland hartnäckig „Bee-Err-Dee“ nannte – eine Sprachverordnung aus Ostberlin -, dann sprang bei jedem, der sich in der linken Szene auskannte, eine Schublade auf. Wer immerfort BRD sagte, war mit größtster Wahrscheinlichkeit Mitglied der KPD beziehungsweise ihres Wurmfortsatzes DKP. Oder er gehörte zu den zahlreichen Kryptokommunisten und DDR-Schönfärbern, die sich im orthodoxen Flügel der SPD, Teilen der evangelischen Kirche, den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Unis und einigen Gewerkschaften und Jugendverbänden eingenistet hatten. So einer schreckte, wenn er stramm linientreu war, nicht davor zurück, eine Möhre aus DDR-Produktion zu fahren, einen Trabi oder Wartburg. Mitunter besaß er eine MZ; kein schlechtes Motorrad, übrigens. Einen Hamburger traf ich mal, der fuhr einen Trabi-Kombi aus purem Snobgeist und entpuppte sich als interessanter Querkopf. Das war die Nummer fünfzehn.

Ein Hoch auf die Schublade! Wer Amerikaner andauernd „US-Amerikaner“ nennt (der mittlerweile eingefahrene Korrektsprech in Nachrichtensendungen), will damit die von ihm mutmaßlich nicht sehr geschätzte Supermacht USA nichtiger erscheinen lassen, wie auf einer Weltkarte mit Peters-Projektion. Der nennt auch schwarze Amis „Afro-Amerikaner“, obwohl 99 Prozent von ihnen mit Afrika soviel am Hut haben wie Charles Bronson mit den Lipka-Tataren, von denen er abstammte. Und wer heute noch „Blödzeitung“ sagt, ist im Humorkosmos der „Tatort“-Krimis aus den achtziger und neunziger Jahren verschollen; in einer Zeit, als Manne Krug den glatzköpfigen Bullen mit den kessen Sozi-Sprüchen gab. Sie alle haben ihren Platz in einer Schublade hoch verdient.

Leider irgendwie untergegangen ist die „Penetration“, die als Synonym für heterosexuellen GV hauptsächlich vom militanten Flügel der Lesbenbewegung („Die Kastration des Mannes kann nur eine Übergangslösung sein“) eingesetzt wurde. Dafür haben wir jetzt die „erlebnisorientierten Jugendlichen“, vulgo antisoziale Krawallmacher. Journalisten, die diesen ulkigen Euphemismus ohne Augenzwinkern benutzen, gehören in die Schublade „öffentlich-rechtliche Anstalten“ (zuletzt gehört im Deutschlandfunk).

Und erst der beliebte „Migrationshintergrund“! Wer davon fabuliert, auch wenn es sich – beispielsweise vor Gericht – offensichtlich um einen Fall von Migrationsvordergrund handelt, wandert ins Kästchen mit der Aufschrift „Multikultiträumer“. Wenn einer ständig die „von Menschen gemachte“ Erderwärmung beschwört – rein ins Kästlein, wo die Gläubigen der Church of Global Warming liegen. Wer dauernd „Solidarität“ einfordert, von darf man annehmen, dass er es auf die Kohle anderer Leute abgesehen hat und auf nichts sonst. Und ein „Gender-Mainstreaming-Projekt zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit“ schiebt man besser ruckartig in jene Lade, wo „staatlich subventionierter Irrsinn“ drauf steht.

Simplify your life. Es ist kurz genug.

Tipp: gelegentlich die „taz“ lesen. Dann werden alle Schubladen schnell voll. Vor allem misstraue man den Betriebsnudeln aus Kultur, Politik und Showbiz, die in Interviews, Fragebögen oder beim Talkshowgeplapper immerzu hinaus posaunen, dass ihnen nichts so fern liegt wie – na was wohl? Erraten! - „Schubladendenken!“.

Die Typen kann man getrost in die Schublade sperren. Nicht vergessen, den Schlüssel wegzuschmeißen.

 

Der Beitrag erschien zuerst auf achgut.com



Artikel weiterlesen  
ANZEIGE


Kommentare (1)

Bookmark and Share   



 
  Kommentare (1)

Bernhard Lassahn, 09.02.2010 01:16
Lieber Wolfgang Röhl!

Den Schubladen-Text habe ich gerne gelesen – und es ist ja so wahr.



Aber: Ich will in einem Punkt widersprechen: BRD. Das ist seit 1951 die offizielle Abkürzung der „Bundesrepublik Deutschland“, und niemand schien damit in den 50er oder den 60er Jahren irgendein Problem zu haben. Erst in den späten 70ern sollte es plötzlich die BRD nicht mehr in der praktischen Kurzform geben, und man sollte an dem neuerdings so genannten „Kommunistenkürzel“ den Bösewicht erkennen. So wurde zumindest in Westberlin für den Schulgebrauch die Abkz. BRD untersagt, ohne dass es eine Alternative dazu gab. Im Geographie-Unterricht mussten die armen Referendare bei einer Gegenüberstellungen von Zahlen über die eine Spalte „DDR“ schreiben und über die andere „BRDeutschland“, egal ob es vom Platz her passte oder nicht. Hauptsache nicht abgekürzt. Denn sowas machen nur Kommunisten. So meinte jedenfalls der Senat damals.



Ich war keineswegs für die KPD oder DKP - doch ich war gegen diese Verordnung von oben und gegen die Vernebelung und Dämonisierung, die damit einherging. Es wurde damit einem Wort aus dem eigenen Wortschatz (in dem Fall bloß einer Abkürzung, die man aber brauchte, um sich klar auszudrücken) unverdientes Misstrauen ausgesprochen, um Leute, die es weiterhin nutzen, zu diskreditieren.



Doch wie sollte man denn - bitte schön - in der bitteren Zeit der Mauer sagen: „Die Beatles-Revival-Band machte eine Tournee durch Österreich, Deutschland und die DDR?“ Richtig so? Oder: „ ... durch Österreich, die BRD und die DDR“? Na? Wenn man nicht mehr „BRD“ sagte, sondern stattdessen „Deutschland und die DDR“, wurde die DDR damit nicht aus Deutschland ausgebürgert?



Ich habe das als ziemlich lästigen Krampf in Erinnerung. Um eine solche argumentative Auseinandersetzung unter Niveau (die damals aus der „rechten Ecke“ kam) führen zu können, nahm man sprachliche (und damit gedankliche) Unreinheiten in Kauf. Man gab die Situation nicht mehr so wieder, wie sie war. Es wurden die Grenzen nicht richtig gezogen, und nicht klar gemacht, ob die eine der beiden Mengen nicht schon als Teilmenge in der anderen enthalten ist. Ein vergleichbares Unglück finden wir heute bei den „-innen“, etwa den „Berlinerinnen und Berlinern“ (die es in den 60er Jahren auch nicht gab).



Da weiß man auch nicht, ob die weiblichen Berliner unbedingt zweimal erwähnt werden müssen, damit man sich ja nicht zu erkennen gibt als einen, der nicht den richtigen Stallgeruch ausdünsten will. Hier kommt die erkennungsdienstliche Sprachkontrolle aus der vermeintlich „linken Ecke“, aber – ehrlich gesagt – finde ich, dass so etwas immer aus der falschen Ecke kommt.



So manche Schublade erweist sich als Falle. Man sollte wirklich darauf achten. Das ist ja auch das Gute an dem Text – insofern verstehen wir uns sicher richtig und werden uns gegenseitig bestimmt nicht vorschnell in die falschen Kästen packen.



Ich habe in dem Zusammenhang ein neues (eigentlich altes) Wort gelernt: „Schibboleth“! Das ist eine Parole, ein Erkennungszeichen, ein Etikett für die Schublade.



Beste Grüße

Bernhard Lassahn (ach der ...)



Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*
 
 
 
ANZEIGE



Spruch des Tages
"Keine Demokratie und keine offene Gesellschaft können auf Dauer Bestand haben ohne das doppelte Prinzip von Rechten und von Pflichten - und beide Prinzipien gelten für jedermann." - Helmut Schmidt

Reportage

Kirche: Dienerin der Wahrheit und Zeichen des Widerspruchs Kirche: Dienerin der Wahrheit und Zeichen des Widerspruchs

Iraner erinnern an Hinrichtungswelle Iraner erinnern an Hinrichtungswelle

"Setzt Euch große Ziele" - Gespräch mit Pater Jose Maniparambil

Spirituelle Erneuerung mit Pater Jose Spirituelle Erneuerung mit Pater Jose

Ein paar Worte zu Armin Hary Ein paar Worte zu Armin Hary

Tagungs-Bericht: Tagungs-Bericht: "Das Geheimnis erfolgreicher Bildung"

Energieversorgung der Zukunft<br>Kernenergie - Contra und Pro Energieversorgung der Zukunft
Kernenergie - Contra und Pro

Afghanistan - ein Trauerspiel? Afghanistan - ein Trauerspiel?

Der Glutkern des Glaubens Der Glutkern des Glaubens

Hilfe für Griechenland: Die Büchse der Pandora Hilfe für Griechenland: Die Büchse der Pandora

Mehr Reportagen


Empfohlene Beitrage

Schuldenlast bald bei 2 Billionen? Schuldenlast bald bei 2 Billionen?

Rettungsschirm vor Einsatz: Zahltag für Deutschland? Rettungsschirm vor Einsatz: Zahltag für Deutschland?

CDU-Fraktionschefs: Stammwähler in den Blick nehmen CDU-Fraktionschefs: Stammwähler in den Blick nehmen

Westerwelle: Saar-FDP fordert Rücktritt Westerwelle: Saar-FDP fordert Rücktritt

Atomkraft: Atomkraft: "glatter Verfassungsbruch"

DDR kein Unrechtsstaat? DDR kein Unrechtsstaat?

Bundeswehr: Fünf Reformvorschläge Bundeswehr: Fünf Reformvorschläge

Wenig Vertrauen in Wirtschaftsordnung Wenig Vertrauen in Wirtschaftsordnung

Schäuble: mit sowjetischer Vorbedingung  Schäuble: mit sowjetischer Vorbedingung "nichts zu tun gehabt"

Manager-Bündnis gegen Merkel Manager-Bündnis gegen Merkel


Interviews

Bernd Höcker Die GEZ muss weg
Bernd Höcker
gez-abschaffen.de

Hajo Seng Grundlegende Akzeptanz, daß Menschen unterschiedlich sein können
Hajo Seng
autWorker

Sen. Dr. h.c. Hans-Albert Courtial Der Mensch braucht Anrührung
Sen. Dr. h.c. Hans-Albert Courtial
Fondazione Pro Musica e Arte Sacra

Dr. Seyed Mostafa Azmayesh Trennung von Religion und Politik
Dr. Seyed Mostafa Azmayesh
Internationales Komitee für die Rechte von Studenten und Derwischen im Iran

Pere Pierre-Marie Delfieux "Es liegt im Innern der Kirche"
Pere Pierre-Marie Delfieux
Monastische Gemeinschaften von Jerusalem

Holger Thuß Prosperität ist die Basis hoher Umweltstandards
Holger Thuß
CFACT

Volker Seitz Ständige Almosen ersticken jede Initiative
Volker Seitz
Diplomat

Martin Lohmann "Die CDU muss mehr sein als Merkel" - Interview Martin Lohmann
Martin Lohmann
Arbeitskreis Engagierter Katholiken in der CDU

Dr. Gérard Bökenkamp Reformen besser früher als später
Dr. Gérard Bökenkamp
Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit

Frère Wolfgang "Pilgerweg des Vertrauens"
Frère Wolfgang
Communauté de Taizé

Mehr Interviews


Umfrage

Galerien

"Das Geheimnis erfolgreicher Bildung" - Expertentagung in Düsseldorf \"Das Geheimnis erfolgreicher Bildung\" - Expertentagung in Düsseldorf


Empfohlene Blogs

author Christian Zeuß
Die FDP ist weit von ihren Ursprüngen entfernt

author Dr. Michael von Prollius
Der Neoliberalismus war gut für uns!

author Marie Luise Schellen
Merkel missachtet den Wählerwillen!

author Dr. Klaus Peter Krause
Die Goldesel von heute

author Dr. Gérard Bökenkamp
Pluralismus in einer freien Gesellschaft

author Thomas M. Eppinger
Ein Gespenst geht um

author Professor Adorján F. Kovács
Gesellschaftlicher Konsens? Ein Versuch

author Dr. Gérard Bökenkamp
Gold oder Papier?

author Beatrix Herzogin von Oldenburg
Über die EZB, die EU und 500 Mrd. neue (!) Dammbrüche

author Christa Meves
Kindesmissbrauch: Ursachen und Konsequenzen


Video

Rücktrittserklärung Horst Köhler Rücktrittserklärung Horst Köhler

Professor Wilhelm Hankel über den Euro im März 2010 Professor Wilhelm Hankel über den Euro im März 2010

Das Gedächtnis der Gene Das Gedächtnis der Gene


Schlagworte

Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Deutschland Wetter




Finanzkrise
Flugticketsteuer gilt rückwirkend
Regierung will 80 Milliarden in vier Jahren einsparen
BaFin geht gegen inkompetente Aufseher vor
Nahost-Konflikt
Trotz Anschlag: Israel hält an Friedensgesprächen fest
Irak: US-Armee zieht ab - Sicherheitsfirmen übernehmen
Iran: Ayatollah Chamenei warnt USA
DDR-Unrecht
Platzeck kritisiert Anschlusshaltung
Schäuble: mit sowjetischer Vorbedingung "nichts zu tun gehabt"
DDR kein Unrechtsstaat?
Allgemein
Doppelter Renten-Bonus für Familien mit Kindern
Bundesbank trennt sich von Sarrazin
USA: Ökoterrorist nimmt Geiseln und wird erschossen
Bildung
Seehofer: Bildungschipkarte ist Mißtrauensvotum gegen Familien
Kirche: Dienerin der Wahrheit und Zeichen des Widerspruchs
Sarrazin: SPD für Ausschluß - Bundesbank gibt Erklärung ab
Reformen
Doppelter Renten-Bonus für Familien mit Kindern
CSU und FDP fordern Änderungen beim Sparpaket
Regierung will 80 Milliarden in vier Jahren einsparen
Wirtschaftspolitik
CSU und FDP fordern Änderungen beim Sparpaket
Union macht Druck bei Mindestlohn für Zeitarbeiter
Regierung will 80 Milliarden in vier Jahren einsparen
Familie
Doppelter Renten-Bonus für Familien mit Kindern
Haderthauer: "Wahlfreiheit statt Bevormundung!"
Paare wollen wieder mehr Kinder
Autoindustrie
Abwrackprämie: Konzerne sollen zurückzahlen
Opel-Hilfe: Brüderle lehnt ab, Merkel berät weiter
Keine Staatshilfe für Opel?
Wahlen
Erstes Duell um Rüttgers-Nachfolge
Schleswig-Holstein: Schwarz-Gelb würde Mehrheit verlieren
Carstensen gibt Landesvorsitz ab
1945-49 Verfassungsbruch 1990
Demonstrative Einigkeit um Zentrum für Vertriebene
Deutscher Richter: Bananenrepublik in Sichtweite
CDU und FDP für Wiedergutmachung
Justiz
Kabinett beschließt Reform der Verwahrung
Bischöfe verschärfen Leitlinien
Carstensen gibt Landesvorsitz ab

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008