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     Wolfgang Röhl
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Simplify your life. Ein Lob der Schublade
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Was spricht eigentlich gegen Schubladendenken? Ist praktisch, spart Zeit. Eine ganze Menge Leute hat ja bequem in zwei, drei Dutzend Schubladen Platz. Was schon die Tatsache zeigt, dass man eine Bevölkerung von 80 Millionen mittels ein paar hundert sorgfältig ausgesuchter Interviewpersonen ziemlich zuverlässig einordnen kann, bezüglich Wahlverhalten, Konsumvorlieben, Wertevorstellungen, Sozialverhalten, Ängsten und so fort. 

Angenommen, man trifft auf einem Empfang, bei einem Essen, im Urlaub oder sonst wo Fremde: drei Minuten reden lassen. Nein, anderthalb genügen. Wer nicht ganz blöd ist, merkt dann schon, ob sich ein Gespräch lohnt. Bloß nicht glauben, was einem Psycho-Quacksalber erzählen! Dass an allen Menschen Spannendes zu entdecken sei, ließe man sich nur geduldig & sensibel auf sie ein. Auf einen von fünfzehn mag das zutreffen. Dafür lohnt es sich aber nicht, mit vierzehn Langweilern wertvolle Lebenszeit zu verplempern…

Wenn zum Beispiel - kleiner Rückblick - in den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts jemand aus dem Westen die Bundesrepublik Deutschland hartnäckig „Bee-Err-Dee“ nannte – eine Sprachverordnung aus Ostberlin -, dann sprang bei jedem, der sich in der linken Szene auskannte, eine Schublade auf. Wer immerfort BRD sagte, war mit größtster Wahrscheinlichkeit Mitglied der KPD beziehungsweise ihres Wurmfortsatzes DKP. Oder er gehörte zu den zahlreichen Kryptokommunisten und DDR-Schönfärbern, die sich im orthodoxen Flügel der SPD, Teilen der evangelischen Kirche, den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Unis und einigen Gewerkschaften und Jugendverbänden eingenistet hatten. So einer schreckte, wenn er stramm linientreu war, nicht davor zurück, eine Möhre aus DDR-Produktion zu fahren, einen Trabi oder Wartburg. Mitunter besaß er eine MZ; kein schlechtes Motorrad, übrigens. Einen Hamburger traf ich mal, der fuhr einen Trabi-Kombi aus purem Snobgeist und entpuppte sich als interessanter Querkopf. Das war die Nummer fünfzehn.

Ein Hoch auf die Schublade! Wer Amerikaner andauernd „US-Amerikaner“ nennt (der mittlerweile eingefahrene Korrektsprech in Nachrichtensendungen), will damit die von ihm mutmaßlich nicht sehr geschätzte Supermacht USA nichtiger erscheinen lassen, wie auf einer Weltkarte mit Peters-Projektion. Der nennt auch schwarze Amis „Afro-Amerikaner“, obwohl 99 Prozent von ihnen mit Afrika soviel am Hut haben wie Charles Bronson mit den Lipka-Tataren, von denen er abstammte. Und wer heute noch „Blödzeitung“ sagt, ist im Humorkosmos der „Tatort“-Krimis aus den achtziger und neunziger Jahren verschollen; in einer Zeit, als Manne Krug den glatzköpfigen Bullen mit den kessen Sozi-Sprüchen gab. Sie alle haben ihren Platz in einer Schublade hoch verdient.

Leider irgendwie untergegangen ist die „Penetration“, die als Synonym für heterosexuellen GV hauptsächlich vom militanten Flügel der Lesbenbewegung („Die Kastration des Mannes kann nur eine Übergangslösung sein“) eingesetzt wurde. Dafür haben wir jetzt die „erlebnisorientierten Jugendlichen“, vulgo antisoziale Krawallmacher. Journalisten, die diesen ulkigen Euphemismus ohne Augenzwinkern benutzen, gehören in die Schublade „öffentlich-rechtliche Anstalten“ (zuletzt gehört im Deutschlandfunk).

Und erst der beliebte „Migrationshintergrund“! Wer davon fabuliert, auch wenn es sich – beispielsweise vor Gericht – offensichtlich um einen Fall von Migrationsvordergrund handelt, wandert ins Kästchen mit der Aufschrift „Multikultiträumer“. Wenn einer ständig die „von Menschen gemachte“ Erderwärmung beschwört – rein ins Kästlein, wo die Gläubigen der Church of Global Warming liegen. Wer dauernd „Solidarität“ einfordert, von darf man annehmen, dass er es auf die Kohle anderer Leute abgesehen hat und auf nichts sonst. Und ein „Gender-Mainstreaming-Projekt zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit“ schiebt man besser ruckartig in jene Lade, wo „staatlich subventionierter Irrsinn“ drauf steht.

Simplify your life. Es ist kurz genug.

Tipp: gelegentlich die „taz“ lesen. Dann werden alle Schubladen schnell voll. Vor allem misstraue man den Betriebsnudeln aus Kultur, Politik und Showbiz, die in Interviews, Fragebögen oder beim Talkshowgeplapper immerzu hinaus posaunen, dass ihnen nichts so fern liegt wie – na was wohl? Erraten! - „Schubladendenken!“.

Die Typen kann man getrost in die Schublade sperren. Nicht vergessen, den Schlüssel wegzuschmeißen.

 

Der Beitrag erschien zuerst auf achgut.com



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Bernhard Lassahn, 09.02.2010 01:16
Lieber Wolfgang Röhl!

Den Schubladen-Text habe ich gerne gelesen – und es ist ja so wahr.



Aber: Ich will in einem Punkt widersprechen: BRD. Das ist seit 1951 die offizielle Abkürzung der „Bundesrepublik Deutschland“, und niemand schien damit in den 50er oder den 60er Jahren irgendein Problem zu haben. Erst in den späten 70ern sollte es plötzlich die BRD nicht mehr in der praktischen Kurzform geben, und man sollte an dem neuerdings so genannten „Kommunistenkürzel“ den Bösewicht erkennen. So wurde zumindest in Westberlin für den Schulgebrauch die Abkz. BRD untersagt, ohne dass es eine Alternative dazu gab. Im Geographie-Unterricht mussten die armen Referendare bei einer Gegenüberstellungen von Zahlen über die eine Spalte „DDR“ schreiben und über die andere „BRDeutschland“, egal ob es vom Platz her passte oder nicht. Hauptsache nicht abgekürzt. Denn sowas machen nur Kommunisten. So meinte jedenfalls der Senat damals.



Ich war keineswegs für die KPD oder DKP - doch ich war gegen diese Verordnung von oben und gegen die Vernebelung und Dämonisierung, die damit einherging. Es wurde damit einem Wort aus dem eigenen Wortschatz (in dem Fall bloß einer Abkürzung, die man aber brauchte, um sich klar auszudrücken) unverdientes Misstrauen ausgesprochen, um Leute, die es weiterhin nutzen, zu diskreditieren.



Doch wie sollte man denn - bitte schön - in der bitteren Zeit der Mauer sagen: „Die Beatles-Revival-Band machte eine Tournee durch Österreich, Deutschland und die DDR?“ Richtig so? Oder: „ ... durch Österreich, die BRD und die DDR“? Na? Wenn man nicht mehr „BRD“ sagte, sondern stattdessen „Deutschland und die DDR“, wurde die DDR damit nicht aus Deutschland ausgebürgert?



Ich habe das als ziemlich lästigen Krampf in Erinnerung. Um eine solche argumentative Auseinandersetzung unter Niveau (die damals aus der „rechten Ecke“ kam) führen zu können, nahm man sprachliche (und damit gedankliche) Unreinheiten in Kauf. Man gab die Situation nicht mehr so wieder, wie sie war. Es wurden die Grenzen nicht richtig gezogen, und nicht klar gemacht, ob die eine der beiden Mengen nicht schon als Teilmenge in der anderen enthalten ist. Ein vergleichbares Unglück finden wir heute bei den „-innen“, etwa den „Berlinerinnen und Berlinern“ (die es in den 60er Jahren auch nicht gab).



Da weiß man auch nicht, ob die weiblichen Berliner unbedingt zweimal erwähnt werden müssen, damit man sich ja nicht zu erkennen gibt als einen, der nicht den richtigen Stallgeruch ausdünsten will. Hier kommt die erkennungsdienstliche Sprachkontrolle aus der vermeintlich „linken Ecke“, aber – ehrlich gesagt – finde ich, dass so etwas immer aus der falschen Ecke kommt.



So manche Schublade erweist sich als Falle. Man sollte wirklich darauf achten. Das ist ja auch das Gute an dem Text – insofern verstehen wir uns sicher richtig und werden uns gegenseitig bestimmt nicht vorschnell in die falschen Kästen packen.



Ich habe in dem Zusammenhang ein neues (eigentlich altes) Wort gelernt: „Schibboleth“! Das ist eine Parole, ein Erkennungszeichen, ein Etikett für die Schublade.



Beste Grüße

Bernhard Lassahn (ach der ...)



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