Was spricht eigentlich gegen Schubladendenken? Ist praktisch, spart Zeit. Eine ganze Menge Leute hat ja bequem in zwei, drei Dutzend Schubladen Platz. Was schon die Tatsache zeigt, dass man eine Bevölkerung von 80 Millionen mittels ein paar hundert sorgfältig ausgesuchter Interviewpersonen ziemlich zuverlässig einordnen kann, bezüglich Wahlverhalten, Konsumvorlieben, Wertevorstellungen, Sozialverhalten, Ängsten und so fort.
Angenommen, man trifft auf einem Empfang, bei einem Essen, im Urlaub oder sonst wo Fremde: drei Minuten reden lassen. Nein, anderthalb genügen. Wer nicht ganz blöd ist, merkt dann schon, ob sich ein Gespräch lohnt. Bloß nicht glauben, was einem Psycho-Quacksalber erzählen! Dass an allen Menschen Spannendes zu entdecken sei, ließe man sich nur geduldig & sensibel auf sie ein. Auf einen von fünfzehn mag das zutreffen. Dafür lohnt es sich aber nicht, mit vierzehn Langweilern wertvolle Lebenszeit zu verplempern…
Wenn zum Beispiel - kleiner Rückblick - in den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts jemand aus dem Westen die Bundesrepublik Deutschland hartnäckig „Bee-Err-Dee“ nannte – eine Sprachverordnung aus Ostberlin -, dann sprang bei jedem, der sich in der linken Szene auskannte, eine Schublade auf. Wer immerfort BRD sagte, war mit größtster Wahrscheinlichkeit Mitglied der KPD beziehungsweise ihres Wurmfortsatzes DKP. Oder er gehörte zu den zahlreichen Kryptokommunisten und DDR-Schönfärbern, die sich im orthodoxen Flügel der SPD, Teilen der evangelischen Kirche, den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Unis und einigen Gewerkschaften und Jugendverbänden eingenistet hatten. So einer schreckte, wenn er stramm linientreu war, nicht davor zurück, eine Möhre aus DDR-Produktion zu fahren, einen Trabi oder Wartburg. Mitunter besaß er eine MZ; kein schlechtes Motorrad, übrigens. Einen Hamburger traf ich mal, der fuhr einen Trabi-Kombi aus purem Snobgeist und entpuppte sich als interessanter Querkopf. Das war die Nummer fünfzehn.
Ein Hoch auf die Schublade! Wer Amerikaner andauernd „US-Amerikaner“ nennt (der mittlerweile eingefahrene Korrektsprech in Nachrichtensendungen), will damit die von ihm mutmaßlich nicht sehr geschätzte Supermacht USA nichtiger erscheinen lassen, wie auf einer Weltkarte mit Peters-Projektion. Der nennt auch schwarze Amis „Afro-Amerikaner“, obwohl 99 Prozent von ihnen mit Afrika soviel am Hut haben wie Charles Bronson mit den Lipka-Tataren, von denen er abstammte. Und wer heute noch „Blödzeitung“ sagt, ist im Humorkosmos der „Tatort“-Krimis aus den achtziger und neunziger Jahren verschollen; in einer Zeit, als Manne Krug den glatzköpfigen Bullen mit den kessen Sozi-Sprüchen gab. Sie alle haben ihren Platz in einer Schublade hoch verdient.
Leider irgendwie untergegangen ist die „Penetration“, die als Synonym für heterosexuellen GV hauptsächlich vom militanten Flügel der Lesbenbewegung („Die Kastration des Mannes kann nur eine Übergangslösung sein“) eingesetzt wurde. Dafür haben wir jetzt die „erlebnisorientierten Jugendlichen“, vulgo antisoziale Krawallmacher. Journalisten, die diesen ulkigen Euphemismus ohne Augenzwinkern benutzen, gehören in die Schublade „öffentlich-rechtliche Anstalten“ (zuletzt gehört im Deutschlandfunk).
Und erst der beliebte „Migrationshintergrund“! Wer davon fabuliert, auch wenn es sich – beispielsweise vor Gericht – offensichtlich um einen Fall von Migrationsvordergrund handelt, wandert ins Kästchen mit der Aufschrift „Multikultiträumer“. Wenn einer ständig die „von Menschen gemachte“ Erderwärmung beschwört – rein ins Kästlein, wo die Gläubigen der Church of Global Warming liegen. Wer dauernd „Solidarität“ einfordert, von darf man annehmen, dass er es auf die Kohle anderer Leute abgesehen hat und auf nichts sonst. Und ein „Gender-Mainstreaming-Projekt zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit“ schiebt man besser ruckartig in jene Lade, wo „staatlich subventionierter Irrsinn“ drauf steht.
Simplify your life. Es ist kurz genug.
Tipp: gelegentlich die „taz“ lesen. Dann werden alle Schubladen schnell voll. Vor allem misstraue man den Betriebsnudeln aus Kultur, Politik und Showbiz, die in Interviews, Fragebögen oder beim Talkshowgeplapper immerzu hinaus posaunen, dass ihnen nichts so fern liegt wie – na was wohl? Erraten! - „Schubladendenken!“.
Die Typen kann man getrost in die Schublade sperren. Nicht vergessen, den Schlüssel wegzuschmeißen.
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