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11.02.2012
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     Wolfgang Röhl
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Ohne Moos nichts los. Auch kein Klima-Gau!
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Eine kostengünstige Methode, jungfräuliches Papier mit Buchstaben zu bedecken, ist die Rollenreportage. Nein, sie stammt eben nicht von Günni Wallraff, dem Mohr von Köln,

sondern wird seit den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts gepflegt, mindestens. Meist sind es Jungredakteure, die sich im Bettler-Outfit für einen Tag an eine Straßenecke setzen, um einen Bericht darüber zu verfassen, wie gefühlskalt die Deutschen ihren sozial schwachen Mitgeschöpfen begegnen. Oder sie hocken als Sikh mit Turban verkleidet am Sonntag im Schneidersitz auf einer Wiese neben einer Straße im Allgäu und warten, bis eine Prozession vorbei schneit. Deren Mitglieder den vermeintlichen Inder dann irgendwie doof anglotzen, worauf ein Bericht über die Fremdenfeindlichkeit auf dem erzkatholischen Land gedruckt werden kann (ein im Gebüsch versteckter Fotograf hält die xenophoben Gesichtsausdrücke mit dem Tele fest). Alles schon dagewesen…

Eine junge Redakteurin ließ sich von einem Maskenbildner auf arme alte Frau trimmen, schlurfte einen Tag lang durch die City und schrieb alsdann, aus eigenem Erleben, eine aufrüttelnde Reportage über das elende Los betagter Menschen - weiblicher zumal - in unseren Innenstädten. Manche Rollenreporter füllten schon Bücher, in denen sie zum Beispiel akribisch notierten, wie es ist, per pedes durch Auto-Deutschland zu ziehen, am liebsten ohne Geld oder in Begleitung eines treuen Vierbeiners. Man sieht, die Palette möglicher, wenn auch nur kurzzeitiger Identitätswechsel ist bunt, es gibt immer neue Tupfer.

Experimente, die länger als einen Tag dauern, sind den meisten Journalisten allerdings zu unkommod. Praktischerweise gibt es Menschen, die ganz verwegene Dinge anstellen, und die man dazu interviewen kann. Der Brite Mark Boyle hat ein Jahr ohne Geld gelebt! Der Film „Gandhi“ habe ihn dazu angestoßen, sagt er, wo der große Friedensmensch postuliert, man solle den Wandel, „den wir in der Welt sehen wollen, selber durchmachen.“ Ursprünglich wollte Mark zu Fuß und geldfrei 12000 Kilometer weit ins gelobte Gandhi-Land marschieren und unterwegs von seiner Hände Arbeit leben, doch das Unternehmen stand unter einem schlechten Stern. Bereits in Frankreich gaben er und zwei Mitstreiter aufgrund nagenden Hungers auf. Wegen der Sprachbarriere hatten sie ihre Mission dem hedonistischen Volk der Franzosen nicht recht klar machen können.

Mark hat 2007 das Netzwerk „Freeconomy“ gegründet, welches eine neue Gesellschaft ohne Geld anstrebt (übrigens eine sehr alte Idee). Als er mal mit einem Freund „über Klimawandel, Tierversuche, Ressourcenverschwendung“ diskutierte, kam ihm die Erleuchtung, woher diese Übel kommen. Es ist „die Tatsache, dass wir die Auswirkungen unserer Handlungen nicht direkt beobachten können“, verriet er den Medien.

Wenn man sein eigenes Essen anbauen würde, schmisse man nicht so viel weg. Würde man selber Tische bauen, landeten diese nicht vor der Zeit auf dem Sperrmüll. Wenn man sein Trinkwasser selber reinigen müsste, verschwendete man nicht so viel. Mark hat ja so was von Recht. Vor dem Beginn der Arbeitsteilung, in der Spätbronzezeit, müssen die Menschen auf dem Höhepunkt des Glückserlebens gewesen sein. Jeder machte da seinen eigenen Stiefel, buchstäblich.

Auch Mark hatte Glück in seinem cashlosen Jahr. Als Veganer benötigt er kein Fleisch, das er sich ansonsten nach Caveman-Art hätte blutig erjagen müssen. Gemüse hat er selber angebaut, Beeren im Wald gesammelt. Einen alten Wohnwagen als Obdach bekam er geschenkt. Und wie man einen Holzofen aus Steinen und Olivenölbehältern macht, hat man ihm auf einem Biobauernhof beigebracht, wo er ein wenig werkelte, als Gegenleistung für einen Stellplatz. Dort tolerierte man auch sein Plumpsklo, vielleicht nicht die hygienischste, sicher aber die urtümlichste Form der Fäkalienentsorgung. Etwas Strom floss ihm aus Solarzellen zu, damit konnte er seinen Laptop und sein Handy (Prepaid-Karte leer, es empfing nur Anrufe) aufladen. Licht hatte er freilich nur in den Sommermonaten. Wäschewaschen dauerte immer ein paar Stunden – er musste ja zuvor Seifennüsse auf dem Kanisterofen auskochen. Andererseits, wer nicht durch Konsumterror und Fernsehen abgelenkt ist, wessen Laptop-Akku öfters leer ist und bei wem keine Zeitung im Briefkasten liegt (höchstens, wie bei Mark, auf dem Plumpsklo, und auch nur eine ganz alte), hat der nicht alle Zeit der Welt?

Das Aufmacherfoto eines Interviews der „Welt“ zeigt Mark, einen relativ jungen, vom strammen Fahrradfahren durchtrainierten Burschen, wie er in sich ruhend, eingerahmt von Caravan und Olivenölkanisterofen an einem Holzklotz sitzt und einen Becher mit Fencheltee oder etwas Ähnlichem hält. Klimakatastrophe, Tierfolter, Ressourcen-Gau - unnötig, hinfällig, nichtig, würden nur alle es so wie der Mark machen. Terrorismus, Schweinegrippe, Bankenchaos, Ärger mit nicht funktionierenden Kreditkarten, Nacktscanner-Debatten - alles wäre ja wie weggeblasen. Ohne Moos nichts los.

Gelegentlich kamen ihm doch Zweifel, gesteht er heute: „Manchmal hatte ich das Gefühl, die Welt zieht an mir vorbei, und ich kann kein Teil von ihr sein.“ Kopf hoch, Mark. Du bist ja wieder unter uns. Voll in den Medien.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 11.01.2010 auf der "Achse des Guten"



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

EPetras, 14.01.2010 13:16
Solche Artikel erzeugen das Gefühl: Weltverbessern geht nicht, man müsste gleich sonstwas leisten.

In der gegenwärtigen Lage wäre es m. E. besser, viele kleine Schritte aufzuzeigen - exotische oder auch ganz einfache, je nach Belieben. Klar, man muss auch mal über sich selbst lachen können - aber das Bild des nicht gesellschaftskonformen Mega-Ökos ist ja sowas von alt mti Bart - und aus meiner Sich wirklich obsolet. Nach all den Schreckensmeldungen wünsche ich mir da eher ein "Yes, we can!". Das ist auch nicht mehr ganz neu, hat seinen Zauber aber noch nicht verloren!



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