Vielleicht habe ich allein deshalb zu Weihnachten Axel Hackes und Michael Sowas Buch DER WEISSE NEGER WUMBABA geschenkt bekommen, damit ein weiteres Rätsel meiner Kindheit gelöst wird. So sehr ich nämlich das Lied auch liebte, unschwer ist der Vers zu finden, der mir immer arg zu schaffen machte - oder wer will schon von Näglein bedeckt (so verstand ich immer) sein?
"Guten Abend, gute Nacht, / Mit Rosen bedacht / Mit Näglein besteckt / Schlupf unter die Deck´. / Morgen früh, wenn Gott will / Wirst Du wieder geweckt."
Die beiden Autoren von DER WEISSE NEGER WUMBABA haben in akribischer Kleinarbeit köstliche Verhörer gesammelt, die manche Menschen ein ganzes oder auch nur ein halbes Leben lang verfolgten. So geht die Titelzeile des Buches zurück auf Der Mond ist aufgegangen, jenes Abendlied von Matthias Claudius, in dessen Schlussstrophe es zu guter Letzt heißt:
"Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar."
Da nun verstand jemand als Kind die vollkommen nachvollziehbare Zeile:
"Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Neger Wumbaba."
Das ist doch schön, noch kurz vor dem Einschlafen einem weißen Neger begegnen zu dürfen, zumal er direkt aus 1001 Nacht entsprungen zu sein scheint (Wum-baba ist bestimmt ein Bruder von Ali-baba).
Nicht immer allerdings tönen Verhörer so harmlos. Die Verfasser berichten von gleich zwei Menschen, welche - unabhängig voneinander - die vorletzte Strophe des Paul-Gerhardt-Liedes Nun ruhen alle Wälder an jener Stelle gründlich missverstanden, als es heißt:
"Breit aus die Flügel beide / Oh Jesu meine Freude / Und nimm dein Küchlein ein. / Will Satan mich verschlingen / So lass die Englein singen: / Dies Kind soll unverletzet sein."
Gehören diese Sätze auch wegen des der Charybde gleichenden Satans zu den lyrischen Problemzonen meiner Kindheit, so verstanden die beiden Herrschaften von klein auf:
"Will Satan mich verschlingen / So lass die Englein singen: / Dies Kind soll unser letztes sein."
Oder eine andere Frau berichtet, wie sie Allein Gott in der Höh sei Ehr, jenes berühmte Kirchenlied, missverstand, dessen Schluss ja eigentlich lautet: "All Fehd´ hat nun ein Ende."
Jene Frau aber sang in ihrer Kindheit und von da an über viele Jahre: "Alfred hat nun ein Ende."
Jedenfalls las ich bei A. Hacke und M. Sowa, was es mit den Näglein auf sich hat. Braunnägelein, so nannte man zu Brahms Zeiten Flieder.
Diese Vorstellung versöhnt mich vollkommen mit meiner Kindheit: statt Nägeln Flieder ...
Selbst auf dem Hintergrund, dass unter Experten ein heftiger Streit tobt, ob nicht mit den Nägelein Nelken gemeint seien, was etymologisch wohl näher liegt.
Niemand wird es mir verübeln: Ich nehme Flieder, bevorzugt den lila-krokusfarbenen.
Fortan bin ich beim Einschlafen mit Flieder bedeckt ...
Und diesen Flieder riecht Satan gar nicht gern; da schlägt er einen großen Bogen. Also ist auch an dieser Front Ruhe und die sanft ausgebreiteten Flügel sind für das Küchlein, also das Küken, das schlafen will, wirklich ein Segen ...