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Michael Müller
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Der Atheist und die Krippe
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AllgemeinEs weihnachtet. Und die Kirchen werden Heiligabend aus allen Nähten platzen. Wie immer. Die Christmette gehört „dazu“ – wie der Puter und der Baum. Das alles ist wohlig fürs Gefühl, kuschelig, gemütlich. Vor allem auch für die Kinder. Dann das Credo in der Mette: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche, …, Vergebung der Sünden…, geboren durch die Jungfrau Maria…“ Wer glaubt das wirklich? Viele ja. Viele nicht. Auch wenn manche mit beten.
Zu Weihnachten lassen sich „schmusigere“ und positivere Themen behandeln. Doch auch er gehört zu Weihnachten: der Unglaube. Der große Feind der Krippe. Viele Menschen glauben nicht an Gott, doch suchen aufrichtig nach ihm. Man darf gewiß sein, daß sie ihn irgendwann finden werden. Es gibt aber auch jene, häufig wertvolle Mitmenschen, denen der Gedanke nicht „paßt“, daß es da jemanden gibt, der auf ihr Leben schaut, der sagt, was Gut und Böse ist, wahr und unwahr. Und die deshalb Gott aus ihrem Leben möglichst entfernen möchten. Dann gibt es andere, die die Wahrheit ablehnen, ja sie hassen. Sie wollen sie nicht „wahr“-nehmen. Der Grund ist häufig, daß sie ihren Lebensstil nicht ändern wollen. Oder Desinteresse, Gleichgültigkeit.
Manch einer erlebt bisweilen bei Diskussionen über religiöse Themen, daß jemand stolz betont, er glaube nicht an Gott. So, als wolle er sagen: „Leute, ich glaube nicht an den Osterhasen, aber ich respektiere, daß ihr noch so unaufgeklärt seid und daran glaubt.“ Es kann einen der Eindruck befallen, als ob der nichtgläubige Mensch oder der Agnostiker, der sich religiös nicht festlegen will, „irgendwie“ der aufgeklärte, autonome, emanzipierte, vernünftige Mensch sein möchte, und so der Gläubige als recht naiv erscheint oder als Schwächling, der sich an irgend etwas klammern muß, um in dieser Welt zurechtzukommen.
Der ungläubige Mensch verkörpert neben seiner heroischen Einsamkeit zudem häufig noch den guten Menschen, da er alles akzeptiert, für jedes Verständnis hat, und niemanden wegen seiner Ansichten in irgendeiner Form „diskriminiert“. Der gläubige Mensch hingegen grenzt doch andere aus, bezichtigt sie gar des Irrtums – was eines modernen Menschen nicht angemessen ist. Und so muß gegen die „Verengungsmechanismen der Religion“ gekämpft werden.
Oftmals wird als einzig gültiges Erklärungsmodell das der Naturwissenschaft herangezogen: Was man auf diesem Wege nicht „beweisen“ könne, dürfe man nicht guten Gewissens akzeptieren. So als ob ein Widerspruch zwischen Glauben an Gott und Naturwissenschaft bestünde. Das ist zwar ein beliebtes Argument, gilt aber eben nur für Phänomene materieller Natur. Nicht aber für Wirklichkeiten, die über das Meßbare hinausgehen, doch die jedermann zugleich als gegeben betrachtet. Nehmen wir einmal – die Liebe. Läßt sie sich naturwissenschaftlich messen oder wiegen?
Selbst renommierte Naturwissenschaftler haben immer wieder eingeräumt, daß es nicht möglich ist, über ihre Beweisverfahren die Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu beweisen
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„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“, bekannte der bedeutende Physiker Werner Heisenberg. Albert Einstein räumte ein: „Im unbegreiflichen Weltall offenbart sich eine grenzenlos überlegene Vernunft.“ Und schließlich Max Planck: „Zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch.“
Was aber kann die Vernünftigkeit des Glaubens ausmachen? Wohl zunächst die Verläßlichkeit und Glaubwürdigkeit des Zeugen, der ihn uns vermittelt – denn glauben heißt ja nicht wissen. Glauben heißt, sich dem Zeugnis eines anderen anvertrauen und dessen Wissen über eine Materie zu übernehmen. Es geht also eine Kombination aus Willens- und Verstandesleistung. Man kennt den Zeugen, deshalb stimmt man willentlich seinen Aussagen zu. Wie auch dem Steuerberater, Arzt oder Anwalt, dem man vertraut. Christen glauben an Christus, der nicht von sich sagte, er „habe“ die Wahrheit, sondern er „sei“ die Wahrheit.
Doch dann diese Weihnachtsgeschichte rund um Jungfrauengeburt und Krippe, eine Dreifaltigkeit, Wandlung oder Himmelfahrt – alles zu abstrus, um es erfinden zu können. Und doch: Glauben ist vernünftig. Denn woran muß man alles glauben, wenn man „den Glauben“ ablehnt? An die Selbstentstehung des Lebens, an den puren Zufall, vielleicht jenen obskuren Urknall oder unbewegten Beweger, an die Sinnlosigkeit vieler Facetten des Lebens, die erst im Licht des Glaubens ihren Sinn erlangen.
Es gibt wohl kaum eine kompaktere Darstellung über „Formen und Wurzeln des Atheismus“ als in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, ein Dokument des II. Vatikanum. Dort heißt es:
„19.(...) Manche leugnen Gott ausdrücklich; andere meinen, der Mensch könne überhaupt nichts über ihn aussagen; wieder andere stellen die Frage nach Gott unter solche methodischen Voraussetzungen, daß sie von vornherein sinnlos zu sein scheint. Viele überschreiten den Zuständigkeitsbereich der Erfahrungswissenschaften und erklären, alles sei nur Gegenstand solcher naturwissenschaftlicher Forschung, oder sie verwerfen umgekehrt jede Möglichkeit einer absoluten Wahrheit. (…) Andere machen sich ein solches Bild von Gott, daß jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist. Andere nehmen die Fragen nach Gott nicht einmal in Angriff, da sie keine Erfahrung der religiösen Unruhe zu machen scheinen und keinen Anlaß sehen, warum sie sich um Religion kümmern sollten..“
Und dann heißt es in „Gaudium et Spes“ über den „systematischen Atheismus“: „20. Der moderne Atheismus stellt sich oft auch in systematischer Form dar, die, außer anderen Ursachen, das Streben nach menschlicher Autonomie so weit treibt, daß er Widerstände gegen jedwede Abhängigkeit von Gott schafft. Die Bekenner dieses Atheismus behaupten, die Freiheit bestehe darin, daß der Mensch sich selbst Ziel und einziger Gestalter und Schöpfer seiner eigenen Geschichte sei. Das aber, so behaupten sie, sei unvereinbar mit der Anerkennung des Herrn, des Urhebers und Ziels aller Wirklichkeit, oder mache wenigstens eine solche Bejahung völlig überflüssig.
Diese Lehre kann begünstigt werden durch das Erlebnis der Macht, das der heutige technische Fortschritt dem Menschen gibt. Unter den Formen des heutigen Atheismus darf jene nicht übergangen werden, die die Befreiung des Menschen vor allem von seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Befreiung erwartet. Er behauptet, daß dieser Befreiung die Religion ihrer Natur nach im Wege stehe, insofern sie die Hoffnung des Menschen auf ein künftiges und trügerisches Leben richte und ihn dadurch vom Aufbau der irdischen Gesellschaft abschrecke. Daher bekämpfen die Anhänger dieser Lehre, wo sie zur staatlichen Macht kommen, die Religion heftig und breiten den Atheismus aus, auch unter Verwendung, vor allem in der Erziehung der Jugend, jener Mittel der Pression, die der öffentlichen Gewalt zur Verfügung stehen.“ Das erleben wir täglich.
Ob Glauben oder nicht, ob Kunstliebhaber oder nicht, ob Jogger oder nicht. All dies liegt leider nicht auf derselben Ebene. Denn das menschliche Leben ist ein Drama, das sich als Komödie oder Tragödie entpuppen kann. In diesem Drama spielt der Glaube die Hauptrolle, nicht Kunst oder Sport. Es geht um eine Lebensentscheidung mit fatalen Konsequenzen für jeden einzelnen persönlich, nicht für die abstrakte „Menschheit“. Wer sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht stellt, lebt in den Tag hinein, ist ein moderner „Banause“.
Augustinus hat einmal gesagt: „Niemand leugnet Gott, wenn er kein Interesse daran hat, daß es ihn nicht geben möge.“ Mal ehrlich, sollten wir denn wirklich nicht mehr sein als ein Tropfen Schleim im unendlichen Universums, wie es Jean-Paul Sartre verheißt? Sind die Welt, der Mensch, Familien und Freunde wirklich so kalt und bedeutungslos? Oder ist nicht der Glaube an einen liebenden, aber auch richtenden Schöpfer nicht „sympathischer“ – und auch logischer?
Warum Gott nicht eine Chance geben? Was haben wir zu verlieren? Warum sich nicht einmal auf das Thema „Glaube, Vernunft und Wahrheit“ einlassen? Stellen wir doch einfach einmal Themen wie Zölibat, Frauenpriestertum, Hierarchie oder Sexualmoral zurück – sie sind wichtig, aber so alt wie die Kirche. Später – ja, gerne. Doch jetzt erst mal nur das Herz öffnen, es zulassen wollen (!) und Gott eine kleine Chance geben. Wer das wirklich wagen möchte, der weiß, welcher Freund ihm hierbei helfen könnte.
Nein, es ist keine Drohung, es ist mehr als wahrscheinlich: Irgendwann wird jeder von uns vor seinem Schöpfer und Richter stehen, um sich zu verantworten. Für das Leben und die Zeit, die nicht ihm gehörten, sondern die ihm geliehen waren. Das ist nicht sentimental, schmeckt nicht nach Glühwein und klingt auch nicht „süß“. Doch gerade das gehört auch zu Weihnachten. Denn dieser Wille, dieses Ringen und vielleicht dann das Finden – das alleine schon kann der Schritt sein zur Erlösung des Weihnachtsfestes.
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Kommentare (29)
Noah, 19.12.2009 23:00
@Gedankenreisender
Zumindest habe Sie im Vergleich zu anderen Kommentatoren (Warner)begriffen, dass auch ich Atheist bin.
Ihr erster Kommentar war von den Argumenten her, auch wenn ich einzelne Passagen aufgegriffen und kritisiert habe, lesbar.
Nach dem letzten Feuerwerk kommt mir die Floskel "Masse statt Klasse" in den Sinn. Eine ständige Wiederkehr ähnlicher Argumente, seltsam anmutender Wiederholungen und missionarisch vorgetragener Weisheiten hat die dennoch vorhandene Qualität Ihrer ersten Ausführungen leider geschmählert.
Wie gesagt, trotz meiner Kritik, eigentlich schade.
Ice66, 19.12.2009 21:54
@Gedankenreisender
"Christ und Buddhist eint die demütige und ehrfürchtige Haltung, das Wissen um die Existenz einer anderen Wirklichkeitsebene und die Überzeugung, dass nicht der vom gebrochenen Menschen geschaffene Materialismus Maß aller Dinge ist."
Der Materialismus in seiner erkenntnisphilosophischen Bedeutung ist nicht von Menschen geschaffen. Die elementare Aussage des Materialismus ist, das die Materie die Grundlage alles Seins ist, und der Geist, insbesondere der menschliche Geist eine Eigenschaft ist, die auf einer organischen und damit materiellen Grundlage basiert. Durch eine negative Moralisierung des Begriffs Materialismus, findet eine sachliche Auseinandersetzung mit dieser philosophischen Position nur selten statt, wobei sehr viele wissenschaftliche Indizien dafür sprechen, dass an ihr was dran ist, wenn man einmal von gewissen Schwierigkeiten absieht, Materie überhaupt ordentlich zu definieren.
Diese Moralisierung ist übrigens bereits ein Verlassen der sachlichen Ebene und die Äußerung eines Vorurteils.
Liebe oder auch die Fähigkeit Göttliches zu empfinden, sind ebenso individuelle Eigenschaften dieser menschlichen Organismen und sollten daher pluralistisch interpretiert werden. Anders ist das bei der Menschenwürde. Die Beachtung dieser einzufordern ist eine soziale Notwendigkeit.
Was die Christen und die Buddhisten eint, ist, dass sie diese Erfahrung um eine andere Wirklichkeitsebene in eine Religion eingesperrt haben und nicht als ein individuelles Gefühl und damit pluralistisch interpretieren.
Diese Gefühle dürften bei den meisten Menschen recht ähnlich sein. Nur bin ich der Ansicht, dass man aus Gefühlen, so relevant sie auch für die soziale Wirklichkeit sein mögen, keine rationalen Schlußfolgerungen auf die Existenz von Etwas ziehen kann, das unabhängig vom Menschen existieren soll und zudem noch unsichtbar ist.
Wenn es dann auch noch unsichtbar dreifaltig ist, ist irgendwas schiefgegangen.
Ice66, 19.12.2009 20:51
@Menschenskind
"Wer den Glauben bekämpft, hat wohl immer noch ein kindlich naives Bild des Herrgotts auf der Wolke vor Augen."
Die christliche Religion, hat das Problem, dass die wörtlich verstandene Bibel eine sehr naive Gottesvorstellung transportiert und dass Theologie als eine menschengemachte Exegese dieser Schrift ein Bestandteil der menschengemachten sozialen Wirklichkeit ist.
Es geht einem Naturalisten nicht darum, ob nun der Kreationismus falsch ist oder die Theologie der Bultmannschule, oder der Katholizismus oder Drewermann falsch liegt. Es geht darum, sich vorrangig einmal bewußt zu werden, was man macht, wenn man die Natur erforscht und beobachtet und seine Schlussfolgerungen über die Wirklichkeit daraus zieht und was man macht, wenn man (vielleicht auch mit sehr emotionaler Intention ein Buch - eine Sammlung von Schriften interpretiert, zumal sich Theologen nicht an die üblichen Methoden der Literaturinterpretation halten).
Es geht daher auch um den Wandel in der Gottesvorstellung in Bezug auf den Gott, "der da ist und war und bleibt in Ewigkeit".
"Glaube beginnt dort, wo wir das akzeptieren."
Das dürfte richtig sein.
Aus Sicht eines Naturalisten ist "Wahrheit" allerdings ein objektives nachprüfbar richtiges - oder zumindest sehr wahrscheinlich richtiges menschliches Urteil über Tatsachen. (Ich kann es nachvollziehen, dass das auf manche Menschen gefühllos wirkt -das ist der Nachteil der Objektivität und von daher sollte meines Erachtens eine Beschäftigung mit der sozialen Wirklichkeit ein notwendiges Addendum zum konsequenten wissenschaftlichen Naturalismus sein.)
Es ist ein soziales Phänomen in Subkulturen, dass Anhänger dieser Subkulturen diese gelegentlich als "das Wahre" bezeichnen. Das ist aber keine Wahrheit im engeren Sinne. Es geht hier bereits um eine unterschiedliche nicht durchdachte Nutzung des Begriffs.
"Glaube an Gott ist Erlösung. Erst wenn man reifer wird, versteht man diesen Satz. Einem Kind muß er in der Tat mehr als verstiegen vorkommen."
Das katholische Heilsversprechen hat einen fragwürdigen Beigeschmack.
a) Es ist unglaubwürdig.
b) Dem der zum Beispiel nicht an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel glaubt wird mit dem Zorn Gottes und dem Zorn von Peter und Paul gedroht.
Es gibt Menschen, die auch solche Drohungen für nicht sehr glaubwürdig halten, denen sie aber auffallen. Siehe Punkt 47.
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xii/apost_constitutions/documents/hf_p-xii_apc_19501101_munificentissimus-deus_en.html
Solch ein Verhalten lehne ich ab, selbst wenn die katholische Kirche Wahrhaftigkeiten zu äußern hätte. Beim Klimawandel fällt es vielen auf, dass Alarmismus keine Argumente sind. In der katholischen Religion offensichtlich nicht.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:37
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 1
Dank für Ihre Worte, deren Motivation ich durchaus nachvollziehen kann.
Es ist interessant, dass Christen sich häufig immer dann den Vorwurf der "Arroganz" und "Rechthaberei" anhören müssen, wenn sie ihren gewählten Lebensentwurf als Alternative vorstellen oder über christliche Glaubensinhalte informieren möchten. Sie tun das in der Regel leise, vorsichtig, bedacht und stets sachlich. Und dennoch bleibt ihnen der Vorwurf der Überheblichkeit und der Anmaßung, sich im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sehen, nicht erspart. Der gleiche Vorwurf in die andere Richtung hätte de facto genauso seine Berechtigung, findet aber selten statt. In meinen Ausführungen wurden an keiner Stelle andere Glaubensüberzeugungen herabgesetzt oder der Alleinanspruch erhoben.
Warum eigentlich wird das gerade Christen, in besonderem Maße hierzulande den römisch-katholischen, so gerne von den anderen Fraktionen unterstellt?
Die zweite Maxime eines Christen ist, die Würde eines jeden! Menschen gleich welcher persönlichen Überzeugung, Herkunft und Gesinnung bedingungslos zu achten. Der Christ sieht jeden! Mensch als Gottes Geschöpf.
Ja sicher, das Christentum soll missionarisch durch Taten und Worte sein, aber ganz bestimmt nicht hochmütig und selbstgefällig. Für Christen ist Hochmut die erste Sünde schlechthin. Hochmut ist Gottes in die sichtbare und unsichtbare Welt eingepflanzten Gesetzmäßigkeiten aushebeln zu wollen, weil es anders bequemer und besser geht. Der Hochmut war es, der nach der Überlieferung den Menschen von Gott getrennt hat. Ihn zu bezwingen ist das Ziel des praktischen Christseins, d.h. der Christ ist täglich angehalten einzuüben, den Hochmut, den Stolz zu überwinden, den der Mensch seit dem ersten Aufbegehren gegen Gott immer wieder vererbt bekommt. Es wird sich nur schwerlich leugnen lassen, dass dies wohl die schwierigste Aufgabe des Menschen überhaupt sein dürfte. Aber Erfolge, auch die kleinen tagtäglichen, wirken erstaunlich befreiend und wohltuend mit der Zeit. Doch Vorsicht, auch hier lauert wieder der Hochmut, nämlich der des Erfolges. Deshalb ist der Kampf gegen den Hochmut auch so langwierig.
Es ist richtig und steht außer Zweifel, dass immer wieder Christen in der Vergangenheit bis hinein in diese Tage hier wenig beispielhaft waren und insbesondere die Forderung nach der Achtung der Menschenwürde nicht immer in letzter Konsequenz beherzigt haben. Diese wurde zumeist aus eigentlich unbegründeten Ängsten oder niederen Beweggründen oftmals fehl interpretiert und deshalb falsche Schlüsse abgeleitet, aus denen dann unangemessene Maßnahmen entsprangen.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:36
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 2
Ein Einsehen sollten Religionskritiker aber damit haben, dass sich das Christentum eben nicht versteht als eine fertig entwickelte, den perfekten Zustand bereits eingenommene Religion, dessen Kernaussagen und Ideale alle Gläubigen jederzeit und immer augenblicklich erfüllen müssten. Das verlangt der Gott der Christen jedenfalls nicht. Das, so scheint es, fordern eher lautstark die anderen Fraktionen von den Christen ein. Unwissend über die eigentliche Natur des Menschen messen diese Fraktionen die Christen stets an ihrem Ideal und warten nur auf jede Gelegenheit, ihnen mitunter genüsslich das Scheitern an diesen Idealen vor Augen zu führen, um somit die Absurdität ihres christlichen Glaubens herauszustellen. Hier bestehen bei den Fraktionen offensichtlich nicht unerhebliche Verständnisschwierigkeiten bzgl. des Wesens und der Inhalte des christlichen Glaubens. Der christliche Glaube weiß, solange der dreieinige Gott durch den Heiligen Geist wirkt, ist der Mensch und damit auch jede christliche Gemeinschaft in sich noch lange nicht gesund, nicht heil – noch nicht heilig. Gott weiß um die gebrochene Natur des Menschen, die ja genau da begann, als der Mensch hochmütig wurde. Von seinem Schöpfer ausgestattet mit einem freien Willen ist dem Menschen Hochmut möglich. Denn nur "freiwillig", aus sich selbst heraus, soll der Mensch die Liebe Gottes ganz erwidern können, um so "heil geworden" schließlich Anteil an der ewigen Herrlichkeit haben zu können. Es ist in diesem Zusammenhang durchaus auch für den Christen nicht leicht einzusehen, warum Gott so darauf aus ist, verherrlicht zu werden. Gott ist selbstverständlich keine eitle Person. Hier hilft das Verständnis, dass Gott die Liebe schlechthin ist. Verherrlicht werden soll die Liebe.
Der Mensch ist dazu berufen, einmal völlig gesund, heil - heilig zu werden. Diese Perspektive gibt Gott den Menschen unmissverständlich und sichtbar durch seine Menschwerdung, seinen Opfertod und seine Überwindung des Todes. Die "Medizin" für diesen "Heilungsprozeß" sind die Sakramente. Selbstverständlich lässt sich im Augenblick der Spendung der Sakramente keine "Spontanheilung" beobachten, aber mit der Zeit und einer "verantwortungsbewussten Lebensweise" wird man unbestreitbar gesünder. Gesünder auch durch eine immer mehr dem Verstand entspringende tiefere Einsicht in das Mysterium des christlichen Glaubens und seinem Kern - der Vergebung der Sünden.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:34
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 3
Der Christ ringt, auf den Heiligen Geist vertrauend (auch wenn das für den modernen Menschen wieder schwer erträglich ist), um Erkenntnis und Weisheit mit dem Ziel, seinem Mitmenschen ein besser dienender Mensch sein zu können. Das Christsein ist im Gegensatz zu einer buddhistischen Lebensweise ganz auf das Du, auf den Mitmenschen ausgerichtet. Gesund, heil und heilig wird der Mensch durch die selbstlose Nächstenliebe. Auch der durch und durch gläubige Christ kann das mitunter als Überforderung empfinden. Doch Gott liebt und überfordert niemals sein Geschöpf. Jeder nach Möglichkeit und Stand weiß, wo er seinem Mitmenschen dienen kann.
Darüber hinaus ist es beste christliche Tradition, dass das Heil- und Heiligwerden auch nicht auf das diesseitige Leben beschränkt ist.
Ein großes Geheimnis des christlichen Glaubens ist das sich Kleinmachen, das demütige Dienen, das sich Aufopfern aus selbstloser Liebe. Gott ist nicht wie erwartet in Pracht Mensch geworden, sondern klein und erbärmlich. Es ist für jeden im Alltag erfahrbar, dass ein sich Zurücknehmen, ein sich Aufopfern ohne eine Gegenleistung zu erwarten, eine Geste der Vergebung urplötzlich aus den schwierigsten Situationen einen Ausweg aufzeigen kann, einen aggressiven, mit sich selbst unzufriedenen Menschen besänftigen oder ihn von einer schweren Last befreien kann. Jahrelange Anfeindungen werden ganz plötzlich durch Demut aufgelöst. Der Schuldtragende ist berührt von der ihm entgegengebrachten Liebe. Das ist das eigentliche Geheimnis, das Böse zu verbannen und endgültig zu entmachten. Deshalb erniedrigte sich Gott, wurde Mensch, opferte sich und starb am Kreuz. Seine Auferstehung, der Sieg über den Tod soll den Menschen diesen Wirkzusammenhang bezeugen. Er selbst hat diesen Wirkzusammenhang zur Nachahmung vorgelebt. Er hat das Geheimnis, wie das Böse in der Welt zu bezwingen ist, entschlüsselt.
Das Wissen um diesen Wirkzusammenhang ist es, der mich, wie Sie anmerken, "überheblich" schreiben läßt: "Der christliche Glaube ist der einzige Glaube, der den Menschen in der wichtigsten Frage seines Lebens überhaupt eine ausreichende und abschließende Antwort geben kann: wenn ich leide, sei es selbstverschuldet oder unverschuldet, warum und wofür?"
Leiden, um das in die Welt ständig eingreifende Böse endgültig zu entmachten. Dieser im Alltag persönlich erfahrbare und damit reale Wirkzusammenhang kennt keine andere Religion. Leid erhält eine positive Dimension. Im Wissen um die mächtige Wirkung auf das Böse, Leid in Liebe anzunehmen, danken Mystiker Gott gar für ihr Leid.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:32
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 4
Auch im Buddhismus hat das Leiden bekanntlich eine zentrale Bedeutung, doch überwunden kann es nur durch die "Selbstheilungskräfte" in der nächst höheren Erkenntnisstufe, nicht durch ein sich für den anderen Aufopfern im Blick auf einen liebenden Schöpfergott, der sich zuvor aufgeopfert hat. Leid ist hier "nur" Folge von Begehren. Alles ist hier fokussiert auf das eigene Selbst. Der Nächste ist nicht interessant. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott und damit auch keinen Gegenspieler. Hier hat sich kein Gott wie im Alten Testament den Menschen offenbart. Religionsstifter war ein indischer Adeliger.
Der Christ erhebt sich aber niemals über den Buddhist. Er fühlt sich mit ihm sicher mehr verbunden als mit einem intellektuellen Atheisten. Christ und Buddhist eint die demütige und ehrfürchtige Haltung, das Wissen um die Existenz einer anderen Wirklichkeitsebene und die Überzeugung, dass nicht der vom gebrochenen Menschen geschaffene Materialismus Maß aller Dinge ist.
Das Christentum ist die Religion, in der ganz praktisch alle Aufmerksamkeit der gebrochenen Menschennatur, dem Sünder gilt. Durch erfahrene Nächstenliebe kann er dann selbst zu einem den Nächsten liebenden Menschen werden. Im Mittelpunkt steht eben nicht der vermeintlich "bessere Christ", der obendrein vielleicht noch insgeheim stolz ist, gottgefälliger zu leben als der Sünder. Der christliche Glauben ist von Natur aus so angelegt, dass er Zeugnis allein durch das gelebte Vorbild der Nächstenliebe gibt. Er braucht den handelnden Christ und nicht den theoretisierenden und sezierenden Theologen, der das Mysterium des christlichen Glaubens nur noch abstrakt beschreiben, aber nicht mehr persönlich erfahren kann. Im Altarsakrament bleibt der menschgewordene Gott zumindest für den älteren Teil der Christen auch nach seinem Opfertod mit der Welt sichtbar verbunden. Die christliche Religion unterscheidet sich mit Ausnahme des Judentums faktisch deshalb von allen anderen Religionen, weil der Schöpfergott ganz konkret in die Geschichte durch seine Menschwerdung eingegriffen hat, was die Juden als die älteren Geschwister der Christen noch erwarten. Damit hat Gott dem Menschen ein sichtbares Zeichen seines besonderen Bundes mit ihm hinterlassen. Gerade aber wegen dieser Andersartigkeit gegenüber allen anderen Religionen ist das Christentum ein so großes Ärgernis.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:32
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 5
Aber zurück zu Ihren Zeilen.
Die Aussage, "die wenigsten der "Atheisten" hier hätten das erforderliche philosophische und erkenntnis-theoretische Rüstzeug, um eine sachliche Diskussion zu führen", klingt in der Tat anmaßend. Da die bisherige Argumentation der "Atheisten" in dem Blog sehr vereinfacht und vordergründig und daher für mich ärgerlich war, wählte ich zugegebenermaßen eine überspitzte Formulierung. Aber auch ohne das erforderliche philosophische und erkenntnis-theoretische Rüstzeug kann man durchaus schlüssig argumentieren.
Warum, darf man fragen, wird aber gerade das Christliche, insbesondere das Katholische von der Gesellschaft so vehement relativiert oder gar diffamiert? Erlauben Sie, dass man sich als Christ genau über das Warum so seine Gedanken macht, weil man ob der Vorwürfe und Anklagen den Kopf schütteln muss, halten sie einer echten Prüfung nämlich nicht stand. Nehmen Sie die altbekannten "katholischen Zöpfe" und Totschlagargumente: Zölibat, Frauenpriestertum, künstl. Empfängnisverhütung , Aids, Pius XII. und die Rolle der Kirche im 3. Reich, Galileo Galilei, Inquisition, Hexenverbrennung. Sie werden staunen, was Sie zu diesen Themen erfahren werden, wenn Sie diesen Fragen einmal näher auf den Grund gehen. Lesen Sie dazu Fachbeiträge von Experten wie Historikern, Medizinern, Psychologen auch solchen, die nicht gerade verdächtig sind, der katholischen Kirche nahe zu stehen.
Unwahres oder Halbwahres wird durch ständige Wiederholungen eben nicht plötzlich wahr.
Das soll nicht heißen, dass hier die katholische Kirche per se frei von Verfehlungen gesprochen werden soll. Nur Sie und Ich sind es auch nicht. Und welcher "Religionsführer" hat wie der polnische Papst im Jahr 2000 öffentlich um Vergebung für die Schuld der katholischen Kirche gebeten? Hier haben wir wieder das sich Kleinmachen, die Demut!
Der Mensch aber will gerne eine Sau durchs Dorf treiben. Deshalb werden Sie über die Wahrheit, über das Warum, über die wirklichen Hintergründe und Zusammenhänge oder Geschehnisse in den Medien nie erfahren. Die Einschaltquoten würden drastisch sinken, weil sich die Sau plötzlich aufgelöst hat. Warum sich die Kirche nicht selbst rechtfertigt und für Klarstellung sorgt? Die Wahrheit muß sich nicht laut Gehör verschaffen. Sie ist leise, sie muß sich nicht aufdrängen. Sie wird zu gegebener Zeit für sich selbst sprechen. Die Kirche denkt in anderen Zeitkategorien.
Gedankenreisender, 19.12.2009 18:30
@Noah und die anderen "Atheisten"
Teil 6
Überall ruft man zu Toleranz auf, wenn es gilt, für die Schwächeren in der Gesellschaft einzutreten. Nur gegenüber den gläubigen Christen, die längst auch in der westlichen Welt zu einer echten Minderheit geworden sind, und ihren Überzeugungen gilt das Gebot der Null-Toleranz. Das ist mittlerweile guter gesellschaftlicher Konsens und political correct. Die ermüdenden Talksendungen im deutschen Fernsehen kämpfen da an vorderster Front. Nicht müde dagegen werden die Redakteure um immer neue Trümpfe gegen die Christen aus den Ärmeln zu ziehen, sei es die Bezichtigung, extremistisch zu sein ob des Unsinns im Jemen zu missionieren, sei es die pauschale Bezichtigung die gesamte Piusbruderschaft sei antisemitisch oder der Bericht über einen katholischen Orden, der einem seiner Priester nicht gestatten will, sich zu seinem Kind zu bekennen.
Warum, möchte man weiter fragen, sind denn ausgerechnet die konservativen Christen zumeist Zielscheibe der Atheisten, vielleicht noch muslimische Extremisten, aber doch kaum der rechtgläubige Muslim, der orthodoxe Jude oder der Anhänger asiatischer, indianischer oder anderer Religionen. Erfahrungsgut ist auch, dass nur das, was echt und wahrhaftig ist, massiv bekämpft wird. Das kennt man selbst aus der Zeit, wo man gegen die eigenen Eltern rebelliert hat. Insgeheim ahnte man aber damals schon, dass die Eltern vielleicht doch recht hatten.
Auch wenn das jetzt für Sie erneut wieder arrogant und zudem provokant klingen mag: der Volksmund kennt das Sprichwort: "Wer laut schreit, hat unrecht." Vom Alltag weiß man, dass jemand gerade dann oft laut wird, wenn er bereits zuvor gespürt hat, dass der andere doch nicht so falsch liegt. Vielleicht ahnen das auch ein wenig die Vertreter eines aggressiven Atheismus, dass die Christen unter Umständen doch nicht irren. Für ein solches Eingeständnis aber stehen der Hochmut und auch vielleicht auch einfach nur die Angst im Wege. Die Angst, die sich unter Umständen mühevoll selbst erkämpften Überzeugungen doch aufgeben zu müssen, und die Angst Neuland zu betreten. Doch dürfen diese "ahnenden Atheisten" versichert sein, dass ironischerweise Christen für sie beten, und opfern. Auch das dürften wieder "überhebliche" und "anmaßende" Zeilen sein. Aber das hat Jesus von Nazareth, der menschgewordene Gott, uns Menschen gelehrt: "welchen Lohn erwartet ihr, wenn ihr nur die liebet, die Euch lieben. Liebt die, die Euch verfolgen". Das ist kein naiver Heroismus, sondern Gottes Programm für jeden Menschen. Gerechtigkeit und Vergeltung erfährt der Mensch erst in der ewigen Herrlichkeit nach seinem irdischen Tod. Keine noch so gescheite Disziplin der Naturwissenschaften wird in der Lage sein, die Nichtexistenz der Seele nach dem irdischen Tod zu beweisen.
Noch einmal: es geht hier nicht um "ewige Rechthaberei der Christen", sondern um
die Schilderung persönlicher Erfahrungen und Beobachtungen im Alltag und um die Überzeugung, dass man ihn als praktizierender Christ, der sich von einem liebenden Gott stets begleitet weiß, besser, d.h. heilbringender und friedensstiftender bewältigen und verstehen kann. Das möchte der Christ bezeugen. Er drängt sich aber niemals auf. Auch ich beabsichtige das nicht mit diesem Beitrag. Der Beitrag soll nur Denkanstoß sein.
Noch so ausschweifende erkenntnis-theoretische Abhandlungen oder schlüssige Argumentationen werden die ganz persönliche Begegnung mit einem liebenden Gott niemals ersetzen können.
Menschenskind, 18.12.2009 20:59
@Gedankenreisender
Ihnen wünsche ich eine gesegnete Weihnacht. Sie haben mir aus der Seele gesprochen.
Wer den Glauben bekämpft, hat wohl immer noch ein kindlich naives Bild des Herrgotts auf der Wolke vor Augen. Nur unreife Menschen können negieren, daß die Schöpfung stärker ist als der Mensch. Glaube beginnt dort, wo wir das akzeptieren. Glaube an Gott ist Erlösung. Erst wenn man reifer wird, versteht man diesen Satz. Einem Kind muß er in der Tat mehr als verstiegen vorkommen.
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"Wer den Mut zur Unvollkommenheit nicht aufbringen kann, wird sich im Schatten des Unerreichten, des Verweigerten dem Kummer hingeben, und sein Blick wird nur fassen, was anderen zuteil geworden ist und ihm nicht." - Manès Sperber |
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