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11.02.2012
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     Karin Pfeiffer-Stolz
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Alle Kinder sind Legastheniker
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Familie

Alles Lernen beginnt mit Nachahmen. Der Schulunterricht in den ersten Schuljahren hat daher zwangsläufig reproduzierend zu sein. Das ist kein Makel; selbst als Erwachsene schauen wir immer und überall: Was machen die anderen? Wie tun sie es? Und danach richten wir unser eigenes Denken und Handeln aus.

 

Was in Pädagogischen Hochschulen ausgebrütet wird

Die progressiven Pädagogik postuliert Kreativität als höchstes pädagogisches Ziel. Kindern sei ein nachahmendes und reproduzierendes Lernen nicht zuzumuten. Es produziere, so die Vertreter der „Pädagogikmoderne“, marionettenhafte Langeweile. Langeweile im Unterricht sei eine pädagogische Todsünde. Das ist die Geburtsstunde der Spaßpädagogik, eleganter gesagt: des Edutainment.

Bei allem Spaß müsse das Kind jedoch verstehen, was es lerne. Nach den Regeln der „Erklär- und Verstehenspädagogik“ sollen Kinder jeden Lerngegenstand rational erfassen, theoretisch verstehen und mittels Fachvokabeln diskutieren, ehe sie sich dem Thema praktisch zuwenden dürfen. Ohne dieses akademisches „Proseminar“ sei kein Kind zum Lernen zu motivieren.

Erst die Theorie, dann die Praxis?

Schreiben- und Lesenlernen, wie sie dem akademischen Wunschbild entsprechen. Gemäß den Internetseiten des Bundeselternrates (BER), eines Interessenverbandes, der für sich in Anspruch nimmt, im Namen aller deutschen Eltern zu agieren (ohne sie im einzelnen zu befragen), hält Erika Brinkmann, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Gmünd, Vorträge im Rahmen von Weiterbildungsveranstaltungen und Tagungen. Zusätzlich publiziert sie emsig Schriften zum Lernen. Eine ihrer Veröffentlichungen trägt den Titel „Alle Kinder sind Legastheniker“

Darin wird der interessierte Leser mit überaus fortschrittlichem pädagogischen Denken konfrontiert. Im Kapitel „Vier grundlegende Einsichten beim Schriftsprachenerwerb“ erfährt man, daß „alle Kinder in ihrem Schriftsprachentwicklungsprozeß“ die folgenden Einsichten gewinnen müssen, um überhaupt erfolgreich lesen und schreiben zu lernen. Die folgende Aufzählung ist dem Originaltext wörtlich entnommen:

1.      Die Kinder müssen verstehen, dass Schrift Bedeutung trägt und diese Bedeutung durch die Schrift fixiert wird.

2.      Die Kinder müssen verstehen, dass die Schrift an ein ganz bestimmtes Zeicheninventar und an bestimmte Konventionen gebunden ist.

3.      Die Kinder müssen verstehen, dass unsere Schrift keine Begriffsschrift, sondern eine Alphabetschrift ist.

4.      Sie müssen verstehen, dass die Schrift orthografischen Normen unterliegt.

Was sollen Eltern und Lehrer mit solchen Aussagen im praktischen Unterricht anfangen? Müssen wir mit einem sechsjährigen Kind den linguistischen, semantischen und sprachhistorisch motivierten Sinn der Schrift theoretisch abhandeln, bevor wir ihm das Lesen und Schreiben beibringen? Ist das „akademische“ Verständnis von Schrift und Sprache tatsächlich die Voraussetzung für einen gelungenen Erstunterricht im Lesen und Schreiben? Frau Brinkmann ist sich dessen sicher: „Erst wenn die Kinder so weit sind, dass sie verstanden haben, wie das Lesen und Schreiben grundsätzlich geht und wofür man es braucht, können Lese- und Rechtschreibübungen sinnvoll werden.“

 

Mein Gott, was waren wir früher primitiv!

Horribile dictu: Da geht ein naiver Lehrer gleich am ersten Schultag hin und läßt völlig unwissenschaftlich, mirnix dirnix, die I-Dötzchen auf einer Plastiktafel zeilenweise den Buchstaben „i“ üben. Verantwortungslos! Der Mann verbaut damit doch den Kindern ein für allemal den Zugang zur Schriftsprache! Man fragt sich, wie sich unsere Schriftkultur in diesem unwissenschaftlichen Umfeld überhaupt hat entwickeln können, und weshalb ich schreiben kann und Sie das jetzt gerade lesen. Wir sind ja auch noch auf ganz primitive Weise im Lesen und Schreiben unterwiesen worden!

Daß es unter den heutigen Umständen im ersten Schuljahr an den Schulen überhaupt noch zum praktischen Unterricht des Lesens und Schreibens kommt, ist an sich schon erstaunlich genug. Noch verwunderlicher aber ist, daß es trotz der widrigen Umstände immer noch etliche Kinder schaffen, während der vierjährigen Grundschulzeit das Lesen und Schreiben zu erlernen, mehr oder weniger, irgendwie. Überall ist das pseudowissenschaftliche Gefasel auf dem Vormarsch. Und es entmutigt und verunsichert Eltern und Lehrer, die lieber auf den eigenen Verstand hören und solche Methoden in den Mülleimer der Laborversuche kippen sollten. Wir zäumen das Pferd von hinten auf. Den zweiten Schritt vor dem ersten. Die Theorie vor der Praxis. Das kann nicht gutgehen.


Um Himmels Willen, bloß keine Fehler korrigieren!


Und weil es beim Lesen- und Schreibenlernen im ersten Schuljahr auch gar nicht so gut geht, wie behauptet wird, schieben unsere Experten den lernfremden Methoden auch gleich eine Gebrauchsanweisung hinterher. Die Erwachsenen mögen sich tunlichst aus dem kindlichen „Lernprozeß“ heraushalten. (Erika Brinkmann, „Tipps für Eltern“) Das Kind müsse – ganz aus sich selbst heraus nach verzichtsreichem Höherem strebend und ohne Schielen auf Beifall oder Lob – seine Niederschriften, die es sich allein aussucht, allein abschreibt, allein diktiert, auch allein überprüfen und verbessern. Armes Kind! Es wird bald den Verdacht entwickeln, daß die Erwachsenen sich gar nicht wirklich dafür interessieren, was es lernt, wie es lernt und ob es überhaupt etwas lernt. Den Kindern die Verantwortung für Lern­inhalte und -fortschritte selbst zu überlassen, ist heute dank intensiver Beratung durch „Experten“ eine in der Pädagogik weitverbreitete Verhaltensweise. Diese kommt ganz gut an, denn wenn das Kind beim Lernen versagt, ist das nicht den Erwachsenen anzulasten, sondern dem Kinde selbst. Dann hatte es eben nicht die richtige Motivation. Man hat sich erdenkliche Mühe gegeben und alles ausführlich besprochen und diskutiert. Was kann man mehr von Unterricht verlangen?

Das richtige „Rechtschreibbewußtsein“

„Ex cathedra“ wird verkündet, daß häufiges und intensives Besprechen der Rechtschreibung und deren Regeln zu einer besseren Orthographie verhülfe. Hören wir dazu noch einmal die Professorin Erika Brinkmann:

„Die täglichen Gespräche über die Rechtschreibung, bei denen immer wieder alle möglichen Rechtschreibphänomene aufgegriffen werden, helfen den Kindern ein Rechtschreibbewusstsein zu entwickeln und bieten ihnen zu unterschiedlichen Zeiten die Möglichkeit, genau da anzuknüpfen, wo sie sich gerade in ihrem Entwicklungsprozess befinden.“

Man liest und staunt: Es gibt also nicht nur ein „moralisches“ oder „kritisches“ (gesellschaftliches) Bewußtsein, sondern auch ein „Rechtschreibbewußtsein“. Davon abgesehen ist und bleibt der aus dem Internet-Script zitierte Satz auch nach mehrmaligem konzentrierten Lesen inhaltlich nichts anderes als eine pädagogische Gasblase. Durch verbale Schaumschlägereien dieser Art wird wissenschaftliche Kompetenz dort vorgetäuscht, wo der unerläßliche Praxisbezug fehlt. Worte sind leichthin gesprochen. Papier ist geduldig. Der PC-Bildschirm ebenfalls. Doch leider lassen sich allzuviele Pädagogen von solch geballter verbaler Scheinautorität einschüchtern, zumal dann, wenn diese durch Interessenverbände und die Schulbehörten gestützt wird, wie es die Regel ist.


Was tun? Am besten ignorieren!

Wem der Schulerfolg der Kinder am Herzen liegt, ist gut beraten, sich um weltfremde Unterrichtskonzepte nicht zu kümmern. Die meisten der seltsamen Rezepte, wie sie in den heiligen Türmen der Wissenschaft von geltungsbedürftigem Personal ausgebrütet werden, funktionieren in der Praxis nicht. So lange der Lehrer in der Schule noch anerkannte Autorität und die Eltern zu Hause noch erzieherisch tätig waren, hat man sich auch nicht um derlei scheinwissenschaftliches Geschwafel gekümmert: In den ersten Schuljahren stehen Imitieren und reproduzierendes Üben auf dem Stundenplan. Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, wie gerne diese nachahmend und übend lernen. Sie müssen dazu nicht erst mittels akademischer Aufklärungsarbeit motiviert werden. Werden Kinder davon abgehalten, sich die Kulturtechniken durch Nachahmen und Üben anzueignen, beraubt man sie der einzigen Möglichkeit, überhaupt lesen und schreiben zu lernen. Vor der Theorie kommt die Praxis, nicht umgekehrt. Ein Haus baut man von unten nach oben, nicht umgekehrt. Was der Mensch nicht handelnd erfahren darf, wird er niemals abstrakt fassen können. Es wird Zeit, sich von den akademischen Irrlehren des Erstlese- und Schreibunterrichts zu verabschieden!

__________________________

Quelle:
Wer hat das Sagen in deutschen Klassenzimmern?
Von der Entmündigung des Lehrers
Stolz Verlag, Aktuelle Schriftenreihe Pädagogik



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Kommentare (2)




 
  Kommentare (2)

Karin Pfeiffer-Stolz, 26.01.2010 21:24
Sehr geehrter Herr Mocnik,
ich danke für Ihre Ausführungen, die den Kern der Sache treffen. Was heute vielfach als Toleranz ausgegeben wird, ist beschämende Gleichgültigkeit. "Nur kein' Ääärga!" Historisch gesehen dürften wir die erste Generation sein, die sich weigert, Kulturtechniken und Wissen durch Erziehung und Unterricht an die Nachgeborenen weiterzureichen. Fast hat man den Eindruck, daß Erwachsene „Angst“ vor ihren eigenen Kindern haben.


Karl Mocnik, 25.01.2010 21:38
Eklatant lästig ist die fehlende Orthographie bei den meisten Menschen neuerdings, sowie, wenn nicht mehr gelehrt wird, wo man die Satzzeichen setzt, daß zB nach dem Punkt und dem Komma ein Leerzeichen folgen muß usw., obwohl die Texte grammatikalisch richtig verfaßt sind.
Wer jedoch das Leben nicht nur sitzend und schreibend zubringen möchte, ist gut beraten, sich nicht einzulassen auf die verbreitete, demonstrativ geübte Toleranz gegenüber der Legasthenie. Linkshänder konnten früher behutsam zur Rechtshändigkeit angeleitet werden, ohne psychisch Schaden zu nehmen, sofern die Erziehungsberechtigten es nur wollten. Eine Linkshändigkeit ist zB völlig unbrauchbar im praktischen Leben und in vielen handwerklichen Berufen, weil die aller meisten Werkzeuge, sämtliche Bearbeitungsmaschinen, für Rechtshänder konstruiert sind. Es gibt halt keine linksdrehenden Bohrmaschinen und verkehrt herum zu bearbeitende Montageteile, keine linkshändigen Bleistiftspitzer, alles ist für den Rechtshänder gemacht, folglich muß jeder sich danach richten. Früher befasste man sich noch mit der Korrektur allfälliger Linkshändigkeit und man wußte, dass dies nur eine schlechte Angewohnheit und daher korrigierbar war. "Hänschen kann das erlernen, Hans nimmermehr!" war die einhellige Überzeugung. Meist half es schon, wenn das Kind sich die Haare schneiden ließ, statt zu schielen und es auch richtig da saß. Darauf wird heute in den Schulen offenbar vergessen. Die meisten Jugendlichen halten den Bleistift mit dem "Affengriff" und sie vermögen es als Studierende niemals, rasch zu schreiben, sie sind wie Invalide. Sie erwerben eine Abneigung gegen das schriftliche Mitteilungsbedürfnis und ebenso gegen das Zuhörenkönnen oder haben keine Freude zur graphischen Gestaltung. Diese elementaren Kulturfähigkeiten bedürfen der Entwicklung durch Zuwendung, ansonsten kommt es zur ernsten Gefährdung der abendländischen Kultur.



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