Ob der „Spiegel“ Oskar und Sahra womöglich was fälschlich unter die Decke geschoben hat? Couldn´t care less. Die GAE (Größte Anzunehmende Ente) des Jahres, Stand November 2009, hat ja fraglos der WDR
abgeschossen. Es handelt sich um „die Mär von der unterdrückten Wundersalbe“ („stern“).
Zur Erinnerung: am 19. Oktober hatte der WDR-Autor Klaus Martens den Flattermann einem Millionenpublikum zur besten Sendezeit im Ersten serviert. „Heilung unerwünscht“ hieß der 45-Minuten-Film, Untertitel: „Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern.“ Zwei Tage später durfte Martens seine Moritat von edlen Salbenmischern und fiesen Pharmabossen noch einmal in Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair“ aufwärmen. Dass der Braten unschön roch, war sogar medizinischen Laien sofort aufgefallen…
Ärzten, Neurodermitis-Experten und Leuten, die sich in der Pharma-Industrie auskennen (wie dem Spiegel-Autor Markus Grill) war erst recht klar, dass Martens´ Geschichte von den armen, selbstlosen Erfindern, die eine wirkungsstarke Creme namens Regividerm nicht an die vom Juckreiz gebeutelte Menschheit bringen konnten, weil eine profitgierige Pharmamafia sie abblitzen ließ, hinten und vorne nicht stimmen konnte. Schon in seiner Talkshow war Plasberg von Teilnehmern der Runde lautstark angegangen worden, weil er Martens plötzlich als Gast aus dem Hut zauberte und ihn länglich und unkritisch zu „Heilung unerwünscht“ interviewte. Zufällig hatte Martens, pünktlich zur Sendung, auch ein Buch mit dem Titel „Heilung unerwünscht“ auf den Markt gebracht.
Das nun roch nicht nur. Das stank.
In den Tagen danach wurde Martens´ Sendung in gedruckten Medien und in Internet-Ärzteforen auseinander genommen, dass es nur so krachte. Blätter wie die „Süddeutsche Zeitung“, die in Vorab-Elogen auf die ins politisch-korrekte Muster passende Sendung hereingefallen waren (welche ja geadelt schien durch die Ausstrahlung im größten Sender der ARD), sie ruderten nun hektisch zurück. Der Spiegel brachte einen kritischen Bericht. Und sogar das Medienmagazin „Zapp“ des NDR stellte den WDR-Beitrag an den Pranger.
Wie die ganze Chose wirklich ausgekungelt wurde, wie sie an einen „Qualitätssender“ kam, wer im WDR versagt hat und wer mit dem Hype um eine noch gar nicht wirklich auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen getestete Salbe dank großzügiger Fernseh-Promotion jetzt den dicken Reibach macht, steht in einem penibel recherchierten stern-Stück von Georg Wedemeyer („Ein Geschäft mit dem Leid“, Heft 47/09 vom 11. November, ab Seite 120). Und siehe da: es ist wohl alles noch viel haarsträubender, als frühere Berichte ahnen ließen.
Die Rollen in dem Schmierenstück des WDR scheinen nachgerade seitenverkehrt: Profite mit der „Wundersalbe“ wollten laut stern zuvörderst die angeblich vom Pharmakartell schnöde ignorierten Salben-Erfinder selber machen. Die hatten nämlich bereits Anfang der 2000er-Jahre Risikokapitalgeber für ihre „Erfindung“ aufgetan und sich in Erwartung fetter Gewinne Gehälter von 10000 Mark sowie Firmenwagen der Marken Porsche und Mercedes genehmigt. „Mittelständische deutsche Firmen hätten die Salbe auch gerne vertrieben. Doch ´sie schreckten vor den völlig überzogenen Preisvorstellungen der Regeneratio-Leute zurück´“, so der stern. Das Blatt bringt den Casus wie folgt auf den Punkt:
„Im Grunde, so stellt sich mehr und mehr heraus, stimmt an Martens´ Film nur eine zentrale Aussage: Es gibt da eine Salbe. Der Rest sind Ungenauigkeiten, Weglassungen, Beschönigungen oder ist schlicht falsch.“
Wie trickreich der WDR-Autor Martens recherchierte und filmte – vor allem den Tränen treibenden Eyecatcher seines WDR-Beitrags, den dramatisch leidenden, mullbindenverpackten kleinen Bastian, der in den Trailern zur Sendung und in den meisten Presse-Ankündigungen der Sendung auftauchte –, auch das liegt nun auf dem Tisch. Bastians Schicksal – er ist übrigens inzwischen ohne die Wundersalbe beschwerdefrei geworden - hatte mit der „verhinderten Salbe“ so viel zu tun wie der WDR mit der Wahrheitsfindung. Kurz, „Heilung unerwünscht“ ist ein journalistisches Konstrukt einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, das wahrscheinlich nicht mal bei Sat1 durchgegangen wäre.
Jetzt haben sie im WDR volle Deckung genommen. Aufklärung unerwünscht. Wer in Köln nachfragt, wird mit „hausinternen Prüfungen“ abgespeist, die „abgewartet“ werden müssten. Die Marschrichtung des Senders: den Skandal aussitzen und hoffen, dass eine neue, aktuelle Medien-Ente die hauseigene Blamage gnädig überschattet.
Vielleicht die im Spiegel kolportierte Romanze von Oskar und Sahra, die denn womöglich doch nicht stattgefunden hat? Achten Sie mal auf die Daumen, wenn sie zufällig einem WDR-Leistungsträger begegnen. Die müssten schon ganz weiß sein. Vom vielen drücken.
Die Chronik des WDR-Skandals hier:
http://esowatch.com/index.php?title=Regividerm
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 18.11.2009 auf der "Achse des Guten"