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Biblische Schöpfungslehre und Liberalismus
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Glauben kann weder aufgezwungen noch verboten werden. Und so setzten sich Vordenker des Liberalismus leidenschaftlich auch für die Religionsfreiheit ein. Andererseits gibt es, gerade von Freunden der Freiheit, Vorbehalte gegenüber religiösen Fundamentalismus. Im Kreuzfeuer der Kritik steht hier auch der „Kreationismus“, also die biblische Schöpfungslehre.

Glauben kann weder aufgezwungen noch verboten werden. Vom Auszug aus Ägypten bis zur Mayflower, von der Reformation bis zum Fall der Mauer – das Recht auf eine Lebensgestaltung  entsprechend der persönlichen Überzeugungen war von jeher eine der mächtigsten Triebfedern von Befreiungsbewegungen. Und so setzten sich Vordenker des Liberalismus leidenschaftlich auch für die Religionsfreiheit ein. Andererseits gibt es zu Recht Vorbehalte gegenüber einem religiösen Fundamentalismus. Im Kreuzfeuer der Kritik steht hier auch der „Kreationismus“, also die biblische Schöpfungslehre. Um sie soll es mir hier gehen. Dabei gehe ich davon aus, daß Vertreter der biblischen Schöpfungslehre meist nicht pauschal die Lehre Darwins ablehnen, sondern daß der Dissens vielmehr bezüglich der Frage der ursprünglichen Entstehung des Lebens besteht und weniger bezüglich der phylogenetischen Fortentwicklung der Arten. Außerdem will ich zu Anfang darauf hinweisen, daß es in dieser Frage für Gläubige häufig nicht um eine Nebensache oder gar um Rechthaberei geht. Für den Gläubigen geht es gegebenenfalls um die gewichtige Frage, wem er sein eigenes Leben zu verdanken hat und wem er Rechenschaft schuldig ist - einem gütigen Schöpfer oder „nur“ dem Zufall. Zu diesem Thema lehrt die Bibel etwa: „Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodaß alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.“ (Hebräer 11,3) Damit ist klar, daß in dieser Frage durchaus die Religionsfreiheit tangiert wird.

Glauben kann jeder was er will, soweit dürfte ja Einigkeit bestehen. Nun wird dieser Glaube aber auch weitergegeben und sogar mit wissenschaftlichen Argumenten verteidigt. In diesem Fall müssen wir wohl nach dem Grad der Wissenschaftlichkeit fragen, danach, ob die Argumente auch „vernünftig“ sind. Um den Kreationismus verwerfen zu können müßte man dabei zunächst mit Sicherheit wissen, ob die Vertreter des Darwinismus die ursprüngliche Entstehung des Lebens zweifelsfrei, also unumstößlich beweisen können. Und an dieser Konfliktlinie verläuft, soweit ich das beurteilen kann, die Auseinandersetzung zwischen darwinistischen und kreationistischen Biologen (in Deutschland etwa Kutschera vs. Scherer), die gleichermaßen wissenschaftliches Vorgehen für sich in Anspruch nehmen. So sehr wir auch aus guten Gründen von der Plausibilität der Lehre Darwins überzeugt sein mögen: es entspräche nicht meinem Verständnis von Wissenschaft, die Wahrheit über die Entstehung des Lebens für allgemeinverbindlich zu erklären.

Doch es soll hier nicht um Wissenschaftstheorie gehen. Betrachten wie die Sache politisch und nehmen dabei die darwinsche Schöpfungslehre als eindeutig bewiesen an. Zumindest aus liberaler Perspektive ist gegen den bloßen Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte sicher nichts einzuwenden – auch wenn wir ihn für unvernünftig halten mögen. Selbst unter Mißachtung der Religionsfreiheit muß eingeräumt werden, daß gegen den biblischen Glauben ohnehin kein politisches Kraut gewachsen ist. So erkannte schon John Locke in seinem „Brief über die Toleranz“ (1689): „Denn niemand kann, selbst wenn er wollte, seinen Glauben dem Diktat anderer anpassen.“ Die Geschichte gibt Locke Recht. Hätten Christen  immer danach gefragt, was weltlich vernünftig und politisch korrekt ist – Jesus hätte keinen einzigen Jünger gehabt. Die Geschichte des Christentums von Antiochia bis Rom, von der DDR über China und Nordkorea zeigt, daß der biblische Glaube weder durch Gewalt, Diktaturen, Propaganda oder Ideologien aufzuhalten ist. Der Versuch, den Glauben an die göttliche Offenbarung regulieren zu wollen, ist daher nicht nur unliberal – er verkennt auch das politisch Machbare. Ich meine, daß das auch für den Schöpfungsglauben gilt.

Einspruch erheben müssen Liberale offenbar jedoch dann, wenn politische Macht dazu benutzt wird, Glaubensüberzeugungen gewaltsam zum Durchbruch zu verhelfen. Ich rede von Fundamentalismus in dem Sinn, daß geistliche Überzeugungen zur Grundlage weltlicher Ordnung gemacht werden sollen. Nach meiner Interpretation der Bibel besteht diese Sorge jedoch nicht, wenn es um einen recht verstandenen christlichen Glauben geht. Warum? Der Gott der Bibel ließ den Menschen von Anfang an die freie Wahl, sich für oder gegen seine Gebote zu entscheiden. Ansonsten wären Adam und Eva heute noch im Paradies. So schreibt auch John Locke in seinem erwähnten Brief: „Ja, Gott selbst wird die Menschen nicht gegen ihren Willen selig machen.“ Warum sollte ein Christ seine Mitmenschen zwingen wollen, wenn Gott selbst es auch nicht tut? Darüber hinaus besteht die Hoffnung des Christen ja nicht in einer „Umgestaltung“ der irdischen Welt. So sagte schon Jesus zu Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Johannes 18, 36) Der Christ hofft vielmehr auf das Leben nach dem Tod, auf das Reich Christi. Dieses Reich liegt nicht im Irdischen, sondern im Ewigen. Und so ist das „Bürgerrecht“ des Christen nicht im Zeitlichen, nicht in der Welt zu finden, sondern allein im Himmel (Philipper 3,20). Dieses kann durch Taten nicht erlangt werden, auch nicht durch fundamentalistisches Streben. Christen können sich das Reich Gottes nicht „erarbeiten“, sie bekamen es bereits von Gott geschenkt! „Sola gratia“, wie Luther treffend formulierte. Dieser Punkt unterscheidet das Christentum von anderen Religionen. Christen sollten Fundamentalismus daher ablehnen, auch sie natürlich persönlich aufgefordert sind, Gottes Gebote einzuhalten.

Wie sollten Liberale also mit biblisch motiviertem Anti-Darwinismus umgehen? Eine liberale Politik sollte zuerst die saubere Trennung zwischen Wissenschaft, Glauben und Politik wahren. In der Wissenschaft sollte im Interesse der Wissenschaftsfreiheit der Wettbewerb der Hypothesen zur Geltung kommen können. Vor „dummen“ Argumenten braucht sich ein funktionierender Wissenschaftsbetrieb dabei nicht zu fürchten. Die Wahrheit wird sich durchsetzen. Allerdings muß es den Menschen freistehen, sich für das „Falsche“ zu entscheiden. Glauben kann weder verordnet noch verboten werden. Aus der Religionsfreiheit folgt aber auch das Recht, seinen Glauben nach außen vertreten und weitergeben zu dürfen! Ohne dieses Recht wäre Religionsfreiheit nicht nur unvollständig, sondern nichtig. Und das gilt auch für die sich durch den Glauben ergebende Vorstellung davon, wie das Leben entstanden ist. Nicht geschützt von der Religionsfreiheit ist freilich ein  religiös-politischer Fundamentalismus im oben beschriebenen Sinne. Wenn religiöse Eiferer ihre Glaubensüberzeugungen ihren Mitbürgern „mit dem Schwert in der Hand“ aufdrängen wollen ist ein wehrhafter Liberalismus gefordert.

In diesem Sinne möchte ich abschließend den wohl einflußreichsten liberalen Vordenker des 20. Jahrhunderts, Friedrich August von Hayek, zum grundätzlichen Verhältnis von Liberalismus und Religion zu Wort kommen lassen: „Das muß nicht bedeuten, daß der Liberale keinen religiösen Glauben hat. Im Gegensatz zum Rationalismus der Französischen Revolution liegt der wahre Liberalismus nicht im Streit mit der Religion und ich kann die militante und wesentlich unliberale antireligiöse Einstellung, die den kontinentalen Liberalismus den 19. Jahrhunderts anfachte, nur bedauern. Daß sie nicht zum Wesen des Liberalismus gehört, zeigt sich bei seinen englischen Vorfahren, den Old Whigs, die eher zu eng mit einem bestimmten religiösen Glauben verbunden waren. Was den Liberalen hier vom Konservativen unterscheidet, ist jedoch, daß er, so tief auch seine eigenen spirituellen Überzeugungen sein mögen, sich nie für berechtigt halten wird, sie anderen aufzudrängen, und daß für ihn das Ewige und das Zeitliche verschiedene Bereiche sind, die auseinander gehalten werden sollten.“ (Die Verfassung der Freiheit (1978/2003), S. 528)

Dieser Artikel ist eine leicht veränderte Fassung eines Beitrags für freiraum, dem Magazin der Stipendiaten und Altstipendiaten der Friedrich Naumann Stiftung für dei Freiheit (Ausgabe 3/2009).



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Werner, 01.08.2010 14:54
Glueckwunsch - ein Artikel aber auch ein Kommentar die guttun.
Ich fand mich kuerzlich in Hamburg auch in einer solchen Situation, dass mein christlicher Glaube mir als Konservatismus ausgelegt wurde - ich hatte also mit Vorurteilen von der liberalen Seite zu argumentieren - was nicht ganz leicht wahr - es gibt ziemliche Widerstaende und Vorurteile von Libertaeren und auch Liberalen gegen Menschen die sich als liberal als auch glaeubig bezeichnen und ihr Leben danach ausrichten.


abusalam, 22.07.2010 12:37
Bravo. Ihr Artikel richtet sich gegen das in Deutschland verbreitete Vorurteil, Liberalismus und Religion seien Gegensätze. Ich finde im christlichen Glauben eine Richtschnur für das persönliche Handeln und im Liberalismus eine Orientierung bei der Beurteilung politischer und gesellschaftlicher Fragestellungen. Leider stehe ich mit meinem Glauben ziemlich alleine da, weniger auf liberaler Seite, stärker auf kirchlicher Seite stoße ich auch auf krasse Vorurteile gegenüber dem Liberalismus und deren Vertretern in der Tagespolitik.
Ich freue mich darauf von Ihrer PPosition mehr -auch auf der Ebene der organisierten Kirchen- zu hören!



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