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Bezeichnender sind die Reaktionen auf Günter Grass

06. April 2012, 01:04 | Kategorien: Politik | Schlagworte: ,

 

... als sein verzeilter Prosatext selbst, im Hinblick auf den es das ein oder andere anzumerken gilt.

 

Zunächst muss gesagt werden, was nicht allen ganz klar zu sein scheint: Günter Grass darf diesen Text schreiben. Das steht jedem in der Bundesrepublik frei.

Und wenn wir es mit der Meinungsfreiheit ernst nehmen, dann muss jemand auch überleben dürfen. Als Mensch überleben dürfen.

Wenn man allerdings manche Urteile und Reaktionen liest, dann kommt einem Grass wie der personifizierte Beelzebub vor – einmal SS, immer SS -, den es auszurotten gilt, damit er nicht noch einmal den Mund aufmacht. 

In der Tat sind die Reaktionen derer, die reagierten, für diese selbst bezeichnender als für einen Literaten, der vor allem aufgrund seiner Persönlichkeit, seiner offensichtlich persönlichen Probleme und seines Schreibstils provoziert – und dann natürlich auch durch das, was er inhaltlich schreibt.

Das, mit Verlaub, kann niemand so recht ernst nehmen, die Israelis in Israel tun es nicht (vgl. hierzu das PS am Schluss); die Iraner tun es gern.

Was ich nur bemerkenswert finde: Wie mit Günter Grass umgegangen wird, ist mit seiner Person und Inhalt und Form des Textes nicht allein erklärbar!

„Kreuziget ihn!“

Das sagt viel aus über den Umgang der Intellektuellen untereinander; das sagt auch viel aus über unsere Fähigkeit zur Toleranz und zu gelebter Meinungsfreiheit, noch mehr über den einzelnen Schreibenden – dazu am Schluss mehr.

Dass u.a. die Süddeutsche es sich nicht entgehen ließ, diesen Text zu veröffentlichen, ist auf dem Markt der Print-Medien erklärlich; ein Ruhmesblatt ist die Veröffentlichung nicht.

Aber nochmal: Grass darf diesen Text schreiben.

Warum aber folgt auf einen so schwachen Text ein solches „Kreuziget ihn“?

Warum führen sich manche hohepriesterlicher auf als die historischen Hohepriester zu Jesu Zeiten und das, obwohl Grass wohl wenig mit Jesus gemein hat, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass beide Menschen waren und dass in beider Leben Salben eine Rolle spielten, bei Grass sind es die Salben, die er für seinen salbungsvollen Stil benötigt.

Als Prosatext findet das „Gedicht“ keine Beachtung

Zunächst ein Blick auf den in Zeilen umgebrochenen Text:

Wenn Grass ihn als Prosatext schreibt, als normalen Fließtext, liest ihn kaum jemand.

Also schreibt Grass ein „Gedicht“.

Am auffallendsten für mich sind darin die vier Fragen:

Warum schweige ich, …

Doch warum untersage ich mir, …

Warum aber schwieg ich bislang?

Warum sage ich erst jetzt, …

Es sind keine rhetorischen Fragen, denn Grass beantwortet sie.

Die zentrale Frage aber, die sich mir auf dem Hintergrund dieser auffallenden Fragen stellt, ist:

Wenn ihm sein Schweigen ein Problem ist, warum geht Grass nicht damit zu einem Psychologen oder bespricht es mit einem Freund?

Warum trägt er dieses offensichtlich persönliche Problem in die Öffentlichkeit?

Ansonsten kann er doch einfach sagen, um was es ihm geht, ohne viel Federlesens, ohne diese gestelzt daherkommenden Fragen, die glauben machen wollen, das Problem von Grass sei ein öffentliches.

Es ist diese unsägliche Verquickung von Privatem und Öffentlichem, in deren Rahmen private Probleme unbewusst gelöst werden wollen.

Es ist zugleich auch diese Selbstüberhöhung des Dichters, diese „Freies-Geleit-für Ulrike-Meinhof“-Mentalität, die in Deutschland eine gewisse Tradition hat, die bei Böll für den ein oder anderen sicherlich nicht ganz unberechtigt gewesen sein mag.

Es ist dieser Ductus des Berges, der kreist, dann aber eine private Maus gebiert.

Und wenn Grass dann in den Tagesthemen noch nachlegt und Israel seine Besiedlungspolitik vorwirft, dann wird, was er in seinem „Gedicht“ schrieb, gewiss nicht überzeugender und glaubwürdiger und auch seine Argumente im Hinblick auf die israelische Siedlungspolitik kommen fast automatisch in den Sog dieses Glaubwürdigkeitsproblems. Sie wirken nachgekartet – auf mich tun sie das.

Nicht nochmal eine Erbsünde …

Was ich Ihnen, Herr Grass, aber auf jeden Fall sagen möchte und was mir wirklich ein Anliegen ist:

Weil ich Deutscher bin, bin ich nicht, wie Sie das für sich sehen, wenn Sie von Ihrer „Herkunft, / die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist”, sprechen, mit der Erbsünde „Holocaust“ belastet. 

Ich persönlich finde es bezeichnend, wer das tut und wie Ihnen ständig unter die Nase gerieben wird, dass Sie bei der SS gewesen seien. Sie haben niemanden umgebracht, Sie haben ihre Dazugehörigkeit selbst gestanden, spät, aber Sie haben es getan.

Wie Sie vielleicht wissen, wird heute in der Psychologie das Nicht-Verzeihen-Können als eine psychische Erkrankung ernst genommen; daran sollten Sie denken, wenn sich andere wieder und wieder als Ihr Richter aufspielen und Ihnen immer und immer wieder dasselbe vorhalten.

Allerdings sollten auch Sie nicht über andere zu Gericht sitzen.

Um nochmals auf die Erbsünde „Holocaust“ zu sprechen zu kommen:

Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an, und ich möchte, dass endlich damit aufgehört wird, ihn unseren Kindern anziehen zu wollen. Deren Herkunft hat keinen nie zu tilgenden Makel zur Folge.

Ich bin mir, wie die meisten in diesem Land, unserer Vergangenheit bewusst. Und aus diesem Grund sind so viele in diesem Land so wachsam gegen alle neofaschistischen Umtriebe.

Es braucht aber nicht ständig wiederholt werden, was Dutzende von Malen gesagt worden ist.

Wenn jemand um Verzeihung, wenn ein Volk für seine Väter um Verzeihung bittet und es ehrlich meint, dann entwertet ab einem gewissen Punkt jedes weitere Mal, zu dem es sich durch öffentlich erzeugten oder eigenen Druck gezwungen fühlt, dieses erste und ehrliche Mal des Bittens um Verzeihung.

Diese Bitte um Verzeihung wird durch vielfache Wiederholung nicht glaubwürdiger, im Gegenteil, sie wird entwertet.

Und dieses auf mich fast zwanghaft wirkende Wiederholen geschieht, weil es Menschen gab und gibt, die gar nicht oft genug dieses winselnde Bitte um Verzeihung hören können.

Ich lehne diese Schuld-Kultur ab.

Endlich reden über das Schweigen …

Was also stört an Ihrem Text, Herr Grass, ist diese Vermischung von Privatem und Öffentlichem, genauer gesagt, dass Sie ihre privaten Probleme zu öffentlichen machen.

Unter anderem Ihre Schuld- bzw. Makelgefühle.

Das manifestiert sich nicht nur in dem wiederholten Erwähnen des Wortes (ver)schweigen; es führt zu ihrer Selbststilisierung, als ob Sie es sind, der endlich sagt, was längst hätte gesagt werden müssen (was aber von anderen Seiten bereits mehrfach angesprochen worden  ist). Und der – für mich wirkt das schlicht überheblich – weiß,  wie allen geholfen werden kann.

Finden Sie im Übrigen nicht, dass die pakistanischen Atomarsenale auch dringend kontrolliert werden sollten?

Ihre Hoffnung, dass sich viele – WIE SIE – vom Schweigen befreien, ist Ihr Problem!

Andere haben nicht geschwiegen. Andere haben ihrer Sorge, dass Israel zu einem Erstschlag greifen könnte, Ausdruck verliehen. 

Wobei diese Sorge nicht unberechtigt ist, seitdem wir wissen, wie Kriege inszeniert werden, wenn z.B. ein Präsident seinen Außenminister und die Öffentlichkeit wissentlich mit falschen Informationen füttert, damit alle einem Krieg zustimmen und wenn dieser Präsident womöglich – wenn auch unbewusst – seine Truppen in den Krieg ziehen lässt, weil er ein Vaterproblem hat und seiner Mutter zeigen möchte, dass er bis Bagdad kommt und nicht wie Papa schon vorher was auch immer einzieht.

Im Zweifelsfall kann solch eine Inszenierung relativ schnell gehen, da muss womöglich nur eine Wahl vor der Tür stehen, die der Amtsinhaber zu verlieren droht … und ehrlich gesagt: mein Vertrauen in Herrn Netanjahu ist begrenzt …

Nur, Herr Grass, hat das nichts mit Ihren ganz speziellen Problem des Schweigens zu tun.

Das ist IHR Problem.

Vor allem aber ist Israel nicht der „Verursacher der erkennbaren Gefahr“, denn der Verursacher der Gefahr, die zu einem Präventivschlag führen könnte, sitzt nun mal ganz woanders – und nicht in Israel.

Das ist eine wirklich üble Verfälschung der Tatsachen.

Und ich persönlich finde die Sorgen nicht weniger Juden in Bezug auf den Iran nur allzu berechtigt.

Ich mag es auch nicht, wenn Günter Grass dann auch noch „mit letzter Tinte“ schreibt.

Das ist einfach nur larmoyant und erinnert daran, dass die Sterbenden die Überlebenden verzweifelt grüßen …

Ich mag auch den Gebrauch von Metaphern nicht, wenn von Menschen als Fußnoten gesprochen wird. Das ist mir alles zu melodramatisch.

Weil das meines Erachtens viele so empfinden, äußern sie das auch so – und das hat nichts mit Gleichschaltung zu tun, eher damit, dass Sie auf viele in dieser Weise wirken.

Henryk M. Broder und der schreibende SS-Mann

Interessanter als die Fragen von Grass ist für mich, liebe Leserin, lieber Leser, die Frage, warum es die Dimensionen dieses Aufschreis gibt?

Da ist von einem Hass-Pamphlet und von Schmierentheater die Rede. Und wenn man die Ausführungen von Henryk M. Broder in der Welt und auf Focus online liest, dann fragt man sich, wie jemand noch in einem Alter, in dem sich Broder befindet, so viel Hass und unverarbeitete Wut in sich haben kann, dass man Grass in die Nähe von Kannibalen, die von Frischfleisch angezogen werden, rückt, ihn öffentlich als autoritären Knochen brandmarkt oder zu der Aussage verkommt, früher sei Grass ein SS-Mann gewesen, heute schreibe er wie einer.

Wer so schreibt, auf den trifft selbst zu, was er schreibt.

Und es wirft auch ein bezeichnendes Licht auf Welt und focus online, die so jemandem eine Plattform bieten.

Es gibt Menschen, die reagieren nahezu pathologisch darauf, wenn andere ihnen die Deutungshoheit in Bezug auf ein Thema streitig machen wollen. Das mag ein Grund für solche Entgleisungen sein, einer von mehreren anderen noch.

Nein, ich finde Grass´ Text mehr Privates offenbarend als von öffentlichem Interesse; ich finde ihn selbststilisierend und in der Sache unangemessen. Ich empfinde Grass in seinen Folgereaktionen sich selbst bemitleidend, weil er nicht fassen kann, dass seine Wahrheit nicht die der Anderen ist und nicht die Würdigung findet, die er sich vorstellt.

Dennoch: Günter Grass muss weiter ein Mensch sein dürfen.

Als solchen und auch als Literaten akzeptiere ich ihn, wenn ich ihn auch nie sonderlich gern gelesen habe. Aber ein Nobelpreis fällt keinem Dilettanten in den Schoß. Diesen und andere Ehrungen haben ihm manche nie verziehen … und dass er den Mund aufmacht … und das darf er!

Ohne beleidigt zu werden!

Syrien  und der Euro-Sackbahnhof

Ich selbst habe ein ganz anderes Problem mit dem Grass-Text: Für mich ist er unzeitgemäß, ein Text zur falschen Zeit und zwar, weil, bevor er hätte geschrieben werden können, einiges andere vorher hätte deutlichst angesprochen werden sollen, anderes hätte das Licht der Öffentlichkeit notwendiger gehabt, um Not zu wenden:

Ich finde das Schweigen der Weltöffentlichkeit zum Thema Syrien – und das ist nicht nur ein Thema, sondern es sind Menschen, die dort täglich sterben – unerträglich.

Klar wird sich diplomatisch immer mal wieder geäußert, aber im Grunde geschieht viel zu wenig.

In erschreckendem Ausmaß interessieren die Menschen in Syrien nicht.

Wenn, dann hätte ich dazu ein Gedicht erwartet. Denn dort findet der aktuelle Holocaust statt, dort trifft zu, was Paul Celan in seinem Gedicht über Auschwitz, der Todesfuge, geschrieben hat und was die Realität in Homs, Rastan und anderen syrischen Städten widerspiegelt:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.

Das gilt für die Bevölkerung Syriens in vielen Teilen dieses verlorenen Landes.

Und was mir persönlich auch viel ausmacht:

Auf welche Art und Weise europäische und deutsche Politiker Europa und den Euro in einen Sackbahnhof gefahren haben und uns nun weismachen wollen, man könne mit Billionen-Macht diesen Sackbahnhof zu einem Durchgangsbahnhof machen.

Und das auf Kosten unserer Kinder und unserer Sozialstruktur.

Das wäre mindestens auch ein Gedicht wert gewesen – und ist es noch!

Wer hat denn da geschwiegen – und tut es noch?

Lieber Günter Grass,

wenn man unzeitgemäße Texte schreibt, wird man gern auch von Unzeitgemäßen geschmäht, von Menschen also, die mit ihrer Vergangenheit nicht im Reinen sind.

Wenn Sie das Thema Israel ansprechen, Herr Grass, dann ist doch klar, dass Sie Ihre Vergangenheit ereilt.

Das darf Sie doch nicht wundern!

Warum tun Sie das öffentlich?

Ist das Ihre Form von Selbstbestrafung?


PS  Nachtrag am Ostersonntag-Abend:

Jetzt hat die israelische Regierung es tatsächlich fertiggebracht, Günter Grass im Hinblick auf seinen Text in gewisser Weise Recht zu geben:

Wer so cholerisch, unverhältnismäßig und ohne jegliche Souveränität beleidigt wie ein großer Bub auf dieses sogenannte Gedicht mit einer Persona-non-grata-Sanktion reagiert – ist der nicht tatsächlich unberechenbar?

Ich lese da auch, dass Beate Klarsfeld, die Ex-Kandidatin der Linken für das Bundespräsidalamt, eine Beziehung zwischen Grass und Hitler herstellt … sind wir in einem Tollhaus?

Wirklich, sehr bezeichnend die Reaktionen …

Und das an Ostern …


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2 Kommentare auf "Bezeichnender sind die Reaktionen auf Günter Grass"

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