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Aus dem Sprachbuch des Unpädagogen

17. Juni 2010, 07:22 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Nicht nur in Wirtschaft und Politik überschätzt der moderne Mensch seine Verstandeskräfte. Die eigentlichen Motive seines Handelns sind ihm meist verborgen, mit den unvorhersehbaren Folgen seines Tuns aber möchte sich der Verstandesmensch nicht anfreunden, deshalb sucht er nachträglich Erklärungen. Er stellt Fragen, auf die es im Grunde keine Antworten gibt ...

„Warum machst du das?“
Der Erwachsene schaut das Kind streng an. Das Kind schaut auf seine Fußspitzen und schweigt.
„Warum machst du das?“ wiederholt der Erwachsene ungeduldig. Das Kind zuckt die Schultern. Es weiß nicht, was es sagen soll.
„Ich will wissen, warum du das machst!“ beharrt der Erwachsene. Das Kind vor ihm schraubt sich in die Erde hinein, verwindet Arme und Beine, so als gehörten sie nicht zum Körper, preßt verstockt die Lippen aneinander.
Eine Szene, wie sie sich wohl unzählige Male täglich überall dort wiederholt, wo Kinder Regeln übertreten und Erwachsene darauf mit erzieherischen Maßregeln antworten.

Der Ärger über sich selbst
Ich will heute darlegen, daß die Frage nach dem Warum nicht nur nutzlos und dümmlich ist, sondern zusätzlich herabwürdigend und verletzend wirkt.
Jeder von uns begeht täglich kleinere oder größere Torheiten – völlig ohne jede böse Absicht. Erst im Nachhinein wird die Wirkung als töricht erkannt. Dann ärgern wir uns – und wenn wir ehrlich sind, gilt dieser Ärger in erster Linie uns selbst. Wir schelten uns einen Dummkopf, belegen das Ich mit Attributen wenig schmeichelhaften Klanges und können uns dann lange nicht beruhigen. Völlig aus dem Gleichgewicht kann uns eine Person bringen, die das Geschehen kommentiert und – Gipfel der Verfrorenheit! – zu fragen wagt, was wir uns denn bei dieser Dummheit „gedacht“ hätten! Manch ein Gegenstand hat da völlig überraschend das Fliegen gelernt, sei es das Kopfkissen, der Radiergummi oder der linke Winterstiefel.

Die Motive unseres Handelns sind verborgen
Sollten Sie über die Gabe verfügen, das eigene Fehlverhalten oder unfaßbare Falschentscheidungen stets rational erklären zu können, so gehören sie zur Gattung der „Wunderwesen“, wie es sie keine hundertmal auf der ganzen Welt gibt. Der ganz normale Mensch, ausgestattet mit Armen und Beinen, Rumpf, Kopf und Mobiltelefon, kann das nicht. Er weiß nicht, weshalb ihm dies oder jenes passiert, warum er dies oder jenes gemacht hat. Zwar wird er eine Antwort parat haben, die aber dient rein zweckmäßig dazu, die Vergangenheit nachträglich so
zurechtzubiegen, als sei sie die logische Folge seiner Absicht. Aus dem unerschöpflichen Arsenal rhetorischer Kniffe sucht er sich das jeweils Passende heraus. Das kann der gerade in den Vollmond wechselnde Erdtrabant sein oder die wunde Stelle am Knöchel, die durch den neuen Schuh entstanden ist. Schlaflose Nächte müssen als Erklärung ebenso herhalten wie das ungewöhnlich kalte Regenwetter. Für den geübten Selbstinterpreten ist das Herbeiphantasieren von plausiblen Begründungen für Fehlentscheidungen kein großes Problem. (Nebenbei bemerkt: bei Kindern akzeptieren wir die unter
Erwachsenen gängigen Ausreden nicht!) Letztendlich bleibt es dabei: die wahren Motive unseres Handelns bleiben uns selbst verborgen. Friedrich August von Hayek, der große Nationalökonom und Nobelpreisträger, hat erkannt, daß der unentwegte Prozeß der Anpassung an Notwendigkeiten des Daseins das menschliche Handeln formt. Nicht der Verstand lenkt uns, sondern der instinktive Erfahrungsschatz. Nicht das konkrete „Wissen“ über Zusammenhänge entscheidet, sondern die mehr oder weniger bewußten Impulse. „Der Mensch hat sicherlich öfters gelernt, das Richtige zu tun, ohne zu verstehen, warum es richtig war“, faßt Hayek seine Erkenntnisse zusammen.* Auf dem Wege, das jeweils Richtige herauszufinden, begeht der Mensch im Laufe seines Daseins zahllose Irrtümer: auf diese Weise lernt er vor allem, was er nicht tun darf. Auch diejenigen lernen das, die andere bei ihren schmerzhaften Fehltritten beobachten. Zivilisation bedeutet: Man muß nicht alles am eigenen Leibe durchleiden, man kann ressourcenschonend aus Beispielen lernen, die andere uns geben. Warum und wieso der Mensch dieses ausprobiert, jenes aber läßt, bleibt ihm selbst oft genug verborgen.

Aus dem Sprachbuch des Unpädagogen
Was also soll das Kind schon sagen, wenn es gefragt wird: „Warum machst du das?“ Und ehrlich: haben Sie in ihrer Rolle als Eltern oder Lehrer schon einmal eine vernünftige Antwort darauf erhalten? Weshalb also veranstalten wir dann Verhöre dieser Art? Sehen wir nicht, wie das Kind doppelt leidet – einesteils, weil es selbst weiß, welchen „Mist“ es gemacht hat und sich selbst einen Esel schilt, andererseits weil es zu allem Überfluß auch noch in eine Ecke getrieben wird, woraus es sich nur dann befreien kann, wenn es beginnt, dem Erwachsenen allerlei Märchen aufzutischen und Einsicht zu heucheln für einen Vorgang, der ihm selbst doch so rätselhaft erscheinen muß. Bestehen wir also künftig nicht darauf, einem unartigen Kinde eine Antwort über die Motive seines Tuns abzuringen. Die Frage „Warum machst du das?“ gehört ins Sprachbuch des Unpädagogen. Sie ist das Folterinstrument, das Lüge und Heuchelei erzeugt, um in einer Welt bestehen zu können, die den hohlen Anschein mehr schätzt als das fragile und verletzliche Sein. Ist es wirklich notwendig, wenn unsere Kinder schon frühzeitig die unmißverständliche Lektion erhalten, nach der sich die größten Vorteile jenem bieten, der gelernt hat, sich den Mantel der Täuschung überzustreifen?

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Friedrich August von Hayek. Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen, 1996; Seite 43

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